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Almosen, nein danke!

von Ueli Mäder

Kürzlich suchte ich in einem Spielwarengeschäft ein Geschenk aus. Der Verkäufer beriet mich sachkundig, schleppte das große Paket über den Ausgang hinaus bis zur Bushaltestelle und lehnte mein zusätzliches Entgelt mit dem Hinweis ab, bloß seine Pflicht zu tun und kein Trinkgeld zu benötigen. Seine Haltung kontrastierte meine etwas hilflose Geste, im Kleinen symbolisch umzuverteilen, was im Großen weder bei den verfügbaren Einkommen noch bei den privaten Vermögen klappt. Und schon gar nicht bei der Teilhabe an der Wirtschaft.

Soziale Brisanz verschärft sich

Seit Ende der 1980er Jahre setzt sich in der Schweiz ein finanzkapitalistisches Regime durch, das soziale Gegensätze legitimiert, Kapitalgewinne forciert und die wirtschaftliche Macht weiter konzentriert. Zwei Finanzinstitute, die Crédit Suisse und UBS, vereinen die Hälfte des gehorteten Bankenkapitals. Sie verfügen mit multinationalen Konzernen wie Nestlé und Novartis zusammen über viel Einfluss, können staatliche Einrichtungen dazu bewegen, Verluste abzudecken, Steuervorteile zu gewähren und hohe Preise zu akzeptieren. Zum Beispiel für Medikamente. Dabei helfen ständige Drohungen, in autoritär geführte Regionen abzuwandern, die Kartelle noch rigoroser und ›liberaler‹ zu schützen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg tendierte der politisch liberale Kompromiss zwischen Kapital und Arbeit immerhin noch zu einem beschränkten sozialen Ausgleich. Mit dem Aufschwung des Neoliberalismus verbreitete sich eine neue Markt- und Kapitalgläubigkeit. Der Markt bestimme doch den Wert der Arbeit, sagte mir Gerhard Schwarz, Direktor von Avenir Suisse, einer Denkfabrik der Wirtschaft. Seitdem verstärken sich nun vier Trends. Erstens nimmt die Erwerbslosigkeit zu. Wenn Maschinen manuelle Arbeit ersetzen, könnte uns das zwar mehr Zeit und Geld bescheren, zumal die Produktivität steigt. Es hapert aber an der Verteilung. Zweitens halten Teile der nominell steigenden Löhne mit den Lebenshaltungskosten nicht Schritt. Das führt vor allem zu mehr erwerbstätigen Armen (working poor). Drittens orientiert sich das überforderte System der sozialen Sicherheit einseitig an der Erwerbsarbeit, es ignoriert neue Lebenslagen. So geraten viele Alleinlebende, Alleinerziehende und Familien mit Kindern in Bedrängnis. Dies auch deshalb, weil die Schweiz seit 2004 trotz enorm steigendem Reichtum weniger Anteile ihres Bruttoinlandsproduktes für soziale Sicherheit bereitstellt (BSV 2012). Viertens erhöht sich die soziale Kluft zwischen den verfügbaren Einkommen und den privaten Vermögen (Mäder et al. 2010). Und das politisch demokratische Korrektiv ist nicht in der Lage, die soziale Polarisierung zu verhindern.

Politische Macht verhält sich oft schwach gegenüber wirtschaftlich Starken und stark gegenüber sozial Schwachen. Härtere soziale Gegensätze bestätigte mir auch Daniel Vasella, der langjährige CEO und Verwaltungsratsprä- sident von Novartis. Er fragte jedoch zurück, was daran problematisch sei, es dynamisiere doch die Entwicklung. Andere Reiche sorgen sich mehr um den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Einzelne hoffen sogar, die Finanzkrise möge zu einem Umdenken und dazu führen, das demokratische Korrektiv gegenüber kommerziellen Interessen zu stärken. Viele Reiche lehnen indes politische Eingriffe ab. Sie begnügen sich mit privaten Zuwendungen an soziale Stiftungen oder beruhigen sich mit kleinen Gesten gegenüber Bediensteten und nennen das direkte Umverteilung.

Für wenig Entgelt

Michel Müller ist Landschaftsgärtner. Er pflegte während der letzten Jahrzehnte die Gärten mehrerer Villen und erzählte mir von seinen Erfahrungen. Er erlebte wenig Knauseriges und viel Großzügiges, wobei ihn das manchmal irritierte. Bei einem reichen Paar holte ihn ein Chauffeur ab und sein Tageswerk begann mit einem zweiten Frühstück, auch gab es immer Zwischenverpflegungen. Sie vermittelten ihm den Eindruck, mehr Unterhalter denn Gärtner zu sein. War der Garten wieder »zwäg« [in gutem Zustand], bat ihn »Madame« schon bald etwas nachzubessern. »Aber ich wusste beim besten Willen nicht was.«

Michel Müller kam fünfeinhalbjährig in ein Waisenhaus. Der Heimleiter züchtigte ihn oft. Später arbeitete er in einer Gärtnerei. Während der Rezession verlor er seine Anstellung. Er half nun bei einer Tankstelle aus. Bis sich die Kundschaft zunehmend selber bediente. Über ein Zeitungsinserat bot er sich nun für minimales Entgelt als Gärtner an und erhielt schon bald mehrere Anfragen. Sein Kleinunternehmen florierte, ruinierte aber seine Gesundheit. Deshalb konzentrierte er sich auf wenige Reiche. Das tat auch seinem Selbstwertgefühl gut.

»Ich war selbstständig und mein eigener Meister«, erzählt Michel Müller. »Ein Direktor kam schon am ersten Tag extra zum Mittagessen heim, um mit mir die Gestaltung des Gartens zu besprechen. Und weil er eine halbe Stunde zu spät kam, erlaubte mir seine Frau, in der Zwischenzeit das Haus zu besichtigen. In der Regel wurde ich zum Kaffee eingeladen. Als ob ich ein Eigner wäre. Nur wenige ließen mir die Suppe nach draußen bringen. Aber viele leben ja selber auch eher bescheiden.« Wobei der Schein manchmal trügt. So erwies sich ein besserer Geräteschuppen als Luxussauna mit offenem Kamin. In einer Loggia entdeckte er einen Swimmingpool. Aber diese Superreichen profitierten gleichwohl bei Einkäufen von seinen Rabatten, die er im Gartenbaugeschäft erhielt. Sie akzeptierten auch seinen tiefen Lohn, gaben ihm aber etwas mehr Trinkgeld.

Michel Müller brauchte etwa zwei Wochen für einen Garten. Er arbeitete, wie gewünscht, alleine. »Denn Reiche fürchten nichts so sehr, als wenn man über sie spricht.« Auf seine Verschwiegenheit war Verlass. »Mir sind gute Beziehungen mehr wert als Geld.«

Wollte nichts von hier

Nadia Degen diente ebenfalls bei Reichen. Für 22 Franken (ca. 18 Euro) pro Stunde. Sie arbeitete für eine private Pflegefirma. »Bei einem alten Ehepaar schwimmte ich im Lob«, erzählte sie mir. Das tat ihr gut. Sie waren nett. »Und wir mussten hier eine 24-StundenBetreuung organisieren.« Das kostete 30 000 Franken im Monat, mit Köchin, Pflegefachfrau, Nachtwache und allem. Anders verhielt es sich an einem andern Ort. »Die Herrin herrschte mich immer wieder an und behandelte mich als Gesinde. Und wenn sie telefonierte, befahl sie mir manchmal während des Gespräches, noch dies oder jenes zu tun. Sie musste irgendwas beweisen und stellte mich gegenüber andern als ihre Putzfrau vor.«

Eine andere Frau legte beim Essen ihre Prothese ins Trinkglas. »Manchmal tätschelte sie mir mit ihrem Stock auf mein Hinterteil und musste dann kichern, auch wenn sie zum Spaß grobe Schimpfwörter benutzte. Oder sie versuchte, mich zu erschrecken. Ihre Tochter konnte nicht einmal zuschauen, wenn wir ihrer Mutter die Windeln wechseln mussten. Sie hielt die Hilflosigkeit ihrer Mutter nicht aus, die mit mir noch nach Argentinien wollte. Und als einmal eine Kreditkarte herumlag, sagte sie mir, ich könne die Karte entsorgen. Ich begleitete die gute Frau dann zur Bank. Und da stellte sich heraus, dass noch 60 000 Franken auf diesem Konto lagen. Sie hob dann 10000 Franken Haushaltsgeld ab, obwohl 400 gereicht hätten. Ihre Tochter anerbot mir, für meine Dienste ein Bild auszuwählen. Aber ich wollte nichts von hier. Die einen suchen Wärme und wollen dich als Tochterersatz, bei andern musst du den Hintereingang benutzen. Sie wollen einfach ihr Ego befriedigen.«

Sie heben ab

Über das Ego von Reichen sprach ich auch mit Gerhard Dammann, Leiter der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen. Er beschreibt den Narzissmus als Motor für Erfolg. Narzissten fehle die Bodenhaftung und das Gefühl für Grenzen. Sie heben ab und sehen in andern viel Feindliches, um sich besser über sie erhöhen zu können. Sie gewähren wenig Unterstützung, weil die Energie eigenen Zielen nutzen soll. Zudem verlangt die Konkurrenz, sich gegen andere durchzusetzen. Was zählt, ist der eigene Selbstwert. Erfolg verkommt zum Selbstzweck. Wer sich selbst überhöht, hält andere auf Distanz, die einen bewundern sollen. Die Angst vor Nähe verunmöglicht Empathie. Der Narzissmus führt zu einem Zynismus, der andere entwertet und Neid schürt. Besonders im oberen Kader. Mächtige streben nach mehr Anerkennung. Dabei geht es nicht um fördernde Hinwendung zu anderen Menschen, stellt auch Psychotherapeut Thomas Kornbirchler fest. Mächtige müssten das leere Selbst immer wieder affektiv aufladen. Die Egomanie ziele darauf, andere für eigene Zwecke zu vereinnahmen. Sie weise sich gerade in Krisen gerne als schützende Hand aus. Guten Anklang fände der Ruf nach Stärke und sauberen Tugenden. Als Feindbild diene der »überbordende Staat«. Wer von eigenen Vergehen ablenken wolle, projiziere sie gerne auf andere. Er verbinde ökonomische Interessen mit etwas Philanthropie. Das verleihe der eigennützigen Botschaft mehr Würde. Soweit psychologische Deutungen. Sie sind durchaus relevant, aber etwas trügerisch. Nämlich dann, wenn sie den Anschein erwecken, nette Mächtige könnten strukturelle Krisen verhindern und eine soziale Wirtschaftspolitik durchsetzen.

Trügerisch Macht verschieben

Trügerisch können auch berechtigte Kritiken an den hohen Boni sein. Auf CEOs fokussiert, lenken sie davon ab, wie jene sich selbst bereichern, die große Unternehmen besitzen. Dank mehr »Aktionärsdemokratie« lassen sich auch Dividenden weiter erhöhen. Darauf wies mich sogar der ehemalige VR-Präsident der Novartis hin. Er hätte bei seinem Abgang im Frühjahr 2013 noch 72 Millionen Franken erhalten sollen, um in den nächsten Jahren bei keinem neuen Konzern anzuheuern. Auf meine Forderung, die oberen Einkommen zu senken, meinte Daniel Vasella, dann fließe bloß mehr Geld – am Fiskus vorbei – zu den Aktionären.

Ob sich zunehmend Macht von den Besitzenden zum Management verlagert, ist fraglich. Etliche Manager und wenige Managerinnen erhalten gewiss extrem hohe Löhne und Boni. Bei der staatlich geretteten UBSBank bekommt Andrea Orcel mit 25 Millionen Franken Antrittsgeschenk sogar fünfhundertmal mehr, als eine Putzfrau im Jahr verdient (Work, 5.4.2013). Die Fusionen anonymisieren die Unternehmen. Und die Globalisierung erhöht die Anforderungen. Gefragt ist deshalb mehr Bereitschaft, hart durchzugreifen. Zu Gunsten hoher Gewinne und Dividende. Sie werden vom Management erwartet, das eigentlich aus Angestellten besteht.

Viele Managerinnen und Manager zählen selbst zu den Reichen. Sie sind über eigene Aktien und vielfältige Privilegien mit den Besitzenden der Unternehmen verflochten. Der gehobene Lebensstil verbindet. Ebenfalls die Treffen in Verbänden und Klubs. Medial steht allerdings das Management im Rampenlicht. Das verstärkt den Eindruck der Machtverschiebung. Aber die wirklich Vermögenden besitzen das Gros der Produktionsmittel. Sie lassen sich durch keine ›neue Klasse der Manager‹ verdrängen. Im Jahr 2012 stieg das Gehalt der 30 wichtigsten Generaldirektoren zwar um 7,9 Prozent auf 178 Millionen Franken; die Gewinne nahmen jedoch um 9,7 Prozent zu. Die Kritik ist wieder mehr auf jene zu lenken, die im Hintergrund wirken und ihr Kapital strategisch einsetzen.

Umverteilen

Im Frühjahr 2013 beschloss das Schweizer Stimmvolk, das Abzocken des Managements zu begrenzen. Das mag als symbolisches Zeichen erfreulich sein, führt aber kaum dazu, Einkommen von oben nach unten umzuverteilen; zumal die Initiative vornehmlich den Einfluss der Aktienbesitzenden stärkt. Im Jahr 2013 stiegen in der Schweiz übrigens die Gewinnanteile der Aktien deutlich stärker als die Löhne im Management (Basler Zeitung, 6.4.2013). Die 30 größten Unternehmen schütteten 34,6 Milliarden Franken an die Aktionärinnen und Aktionäre aus – 14 Prozent mehr als im Vorjahr.

Eine weitere Initiative verlangt, dass der höchste Lohn in einem Unternehmen nicht höher sein darf als das Zwölffache des tiefsten Lohns. In Schweizer Firmen lag 1984 das durchschnittliche Verhältnis vom tiefsten zum höchsten Lohn 1:6, Ende der 1990er Jahre bereits 1:13 und heute ist es 1:93; bei Novartis sogar 1:266, bei Nestlé 1:215 und bei der UBS 1:184 (Work, 5.4.2013). Die 1:12-Initiative (Jusos Schweiz) beinhaltet also viel Potenzial zur Umverteilung. Gegen die Initiative mobilisieren etliche Reiche und plädieren für freiwillige Umverteilung. Aber darauf ist kein Verlass. Die Existenzsicherung ist gesellschaftlich zu vereinbaren. Wir können uns den einseitig angeeigneten Reichtum nicht länger erlauben. Einer Gesellschaft geht es gut, wenn es möglichst allen gut geht. Und dazu braucht es keine Almosen. Zunächst gilt es, die unteren Einkommen anzuheben. Noch arbeiten in der Schweiz 400 000 Personen zu Löhnen, die, auf 100 Prozent hochgerechnet, unter dem gewerkschaftlich geforderten Satz von monatlich 4 000 Franken liegen. Ergänzend ist die soziale Sicherung auszuweiten. Geld ist genug vorhanden. Gefragt sind politischer Wille und Mut. Vor allem, um die Umverteilung strukturell zu festigen und die demokratische Teilhabe auszuweiten. Zusammen mit wenig Verdienenden, wie dem eingangs erwähnten Verkäufer. Er will keine Almosen. An diesen Stolz lässt sich beim Kampf um mehr Lohn, Rechte und Mitbestimmung anknüpfen.

 

Literatur

Bundesamt für Sozialversicherungen, BSV 2012: Schweizerische Sozialversicherungsstatistik 2012, Bern
Dammann, Gerhard, 2007: Narzissten, Egomanen, Psychopathen in der Führungsetage, Bern
Kornbichler, Thomas, 2007: Die Sucht, ganz oben zu sein, Stuttgart
Mäder, Ueli, Aratnam Ganga Jay und Sarah Schilliger, 2010: Wie Reiche denken und lenken, Zürich
Paucker, Julie und Peer Teuwsen, 2011: Wohin treibt die Schweiz? Zürich