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Nahaufnahme: Alltag in der Krise


Die Pandemie trifft nicht alle gleich. Menschen in prekären Arbeits- und Lebensbedingungen erkranken und sterben überproportional häufig an Covid-19. Aber auch die Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus stoßen auf unterschiedliche Lebensrealitäten. Schulschließungen, Kurzarbeit, Social Distancing oder Homeoffice fordern den Alltag der Menschen verschieden heraus.

Der individuelle Umgang mit der Krise, die Ängste, die sie schürt und die Momente der Solidarität, die mit ihr einhergehen können, sind abhängig von Job, familiärer Situation und Wohnort. Wir haben verschiedene Menschen gebeten, von ihrer Corona-Zeit zu berichten und zu beschreiben, was diese mit ihnen gemacht hat.

»Immer diese Widersprüche« [1]
Christian, Sozialarbeiter in einer Kriseneinrichtung für Psychiatriebetroffene

»Daumen drücken, dass die zweite Welle nicht kommt« [2]
Michaela, Betriebsrätin in einem medizintechnischen Unternehmen

»In dieser Corona-Krise fällt es mir sehr schwer Hilfe zu suchen.« [3]
Sophia, Sexarbeiterin

»Also wurde unsere Wohnung zum Call-Center« [4]
Christiane, pensionierte Naturwissenschaftlerin und ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe tätig

»Die Politiker haben allen geholfen, aber für uns gibt es keinen Cent.« [5]
Zerrin, Altenpflegerin beim DRK

»Ich finde das ganze Reden über Solidarität in der Krise aufgesetzt und verlogen« [1]
Andreas, Einzelhandelskaufmann in Zeitarbeit

»Diese Krise fühlt sich für mich an wie ein Vakuum« [6]
Bora, Künstler und Galerieleiter in Berlin

 

»Immer diese Widersprüche«

Ich begann langsam, mein Leben umzustellen. Am Vormittag hatten wir auf einer Sonderteamsitzung ausführlich das weitere Vorgehen besprochen. Wir – das ist das Weglaufhaus, ein kleines, basisdemokratisch organisiertes Projekt des Berliner Hilfesystems mit wackliger Finanzierung. Wir unterstützen wohnungslose Menschen in ihrem Kampf gegen die Zumutungen der Psychiatrie. Wir begleiten sie in Krisensituationen. Unerwartet waren wir gemeinsam mit einer umfassenderen Krise konfrontiert. Wir waren überfordert, sprachen uns Mut zu. Bevor ich schlafen ging im Weglaufhaus, las ich das Internet leer. Der hinter einer Paywall versteckte Artikel »Wie das Coronavirus das Nachtleben für immer verändern könnte«, der mit einem Bild des Berghains warb, machte Eindruck auf mich. Etwas dick aufgetragen, die Überschrift, dachte ich und schickte einen Screenshot an Freund*innen, von denen einige im Berliner Nachtleben tätig sind. Es war der 14. März und ich entschied, Bahnfahrten auf ein Minimum zu reduzieren. Auf halbem Nachhauseweg stieg ich aus und begann zu telefonieren. Ich hatte Zeit, der Himmel war blau, ich musste klarkommen nach einer viel zu langen Schicht. Eine Freundin wies mich darauf hin, dass hinter der drohenden längeren Schließung des subkulturellen Berliner Nacht- und Feierlebens die nächste Gentrifizierungsrunde wartet. Ich schämte mich etwas für die Gedankenlosigkeit meines Screenshots und teilte die neue Erkenntnis mit einem Freund. Wir prophezeiten die Rettung der Lufthansa. Ein alter Bekannter – Mittelschicht, selbstständig – ließ mir ausrichten, dass ich lieber nicht zu seiner Geburtstagsfeier im kleinen Kreis kommen solle. Im näheren Umfeld einer Kolleg*in war eine Person positiv auf Covid-19 getestet worden. Ich hätte mich schließlich länger als 15 Minuten mit ihr im selben Raum aufgehalten. Aber war das der Grund – oder lag es daran, dass ich mit den Schmuddelkindern spielte? Was war zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlicher: dass Bewohnende einer antipsychiatrisch orientierten Kriseneinrichtung für Wohnungslose mit Covid-19 infiziert waren oder Angehörige der Mittelschicht? Das Testergebnis meiner Kolleg*in war negativ. Die Geburtstagsfeier fand trotzdem ohne mich statt. Hinter dem drohenden Zusammenbruch der Gesundheitsversorgung zeichnete sich eine Verschärfung des Klassenkampfes von oben ab. Wer kann sich retten, wer wird gerettet? Alles beschleunigte sich. Ich versuchte, das für uns zuständige Gesundheitsamt zu erreichen. Ein Rückruf konnte mir nicht garantiert werden, da die Telefonanlage ausgefallen war. Es war Montag, der 16. März.

Wir sorgten uns – um die Zukunft des Weglaufhauses. Was wäre, wenn die meisten Mitarbeiter*innen krank würden oder in Quarantäne wären und ihre Dienste nicht übernehmen könnten? Was, wenn Bewohner*innen schwer erkranken würden? Was, wenn die Einrichtung unter Quarantäne gestellt werden würde? Welche Folgen hätten dann die Bewohner*innen zu tragen? Können wir ihnen zumuten, weiterhin in Doppelzimmern zu wohnen? Die demütigende Erfahrung der Systemirrelevanz ihrer Anliegen, ihrer Wünsche und Sehnsüchte ist ihnen nur allzu bekannt. Was konnten sie also erwarten, was konnten sie tun, wo doch An- und Zurechtweisungen, Vorgaben und Einschränkungen strukturell ihre Lebensführung durchkreuzen? Gemeinsam dagegenhalten, weitermachen, sich nicht unterkriegen lassen, was auch sonst! Wir stellten das Angebot unseres Besuchstages ein, auch unsere ehrenamtlich organisierte Beratungsstelle wurde vorübergehend geschlossen. Immer diese Widersprüche! Leave no one behind! Wir unterstützten die Forderung, Obdachlose und Geflüchtete in Hotels und Ferienwohnungen unterzubringen. Wir hofften, für den Notfall Zeit zu gewinnen. Glücklicherweise blieben den Bewohner*innen unangenehme Termine bei Jobcentern, Bezirksämtern und Sozialpsychiatrischen Diensten erspart.

Ich las wiederholt von Entschleunigung und den Segnungen des Homeoffice. Ich fühlte mich zunehmend genervt von moralisierenden Anrufungen. Mich ärgerte die Stimmungsmache gegen Jugendliche, die vermeintliche Corona-Partys feierten, während Leute weiterhin gezwungen waren, in schlecht belüfteten Büroräumen und Fabrikanlagen ungeschützt zu arbeiten. Ich wurde immer wütender und war doch in der Komfortzone: keine Vorerkrankung, sozialversicherungspflichtiger Job, eingebunden in mein vertrautes soziales Umfeld, davon niemand akut gefährdet oder pflegebedürftig. Unterdessen fiel Teilen der linken Öffentlichkeit nichts Besseres ein, als ihr immer gleiches Vokabular von Brüchen, Krisen und Chancen neu anzuordnen. War die Welt für viele nicht schon immer zerbrochen? Ich dachte, lediglich neoliberale Apologet*innen und Psycholog*innen könnten in Krisen Chancen erblicken. Ich flüchtete mich in Sarkasmus.

Anfang Juni. Die Lufthansa ist gerettet. Es gibt noch immer keinen uns bekannten stabilen Notfallplan. Ich befürchte, dass Bezirksämter zukünftig zum Sparen angehalten werden. Dies könnte auch die Bewilligungspraxis von Aufenthalten im Weglaufhaus betreffen. Das Prinzenbad hat wieder geöffnet. Noch nie hatte ich so viel Platz zum Schwimmen. Und am Hermannplatz treffe ich auf eine Kundgebung mit über 1000 Teilnehm*innen. Dicht gedrängt, aber es geht um etwas, es geht um viel, es geht um alles. Black lives matter!

 

 

»Daumen drücken, dass die zweite Welle nicht kommt«

Uns ging es hier eigentlich sehr gut. Bis dann Corona kam. Jetzt heißt es: Daumen drücken, dass die zweite Welle nicht kommt. Aber ich bleib vorsichtig optimistisch.

Mit »hier« meine ich Rangendingen-Bietenhausen, ein Dorf mit 500 Einwohner*innen in Baden-Württemberg, wo ich zusammen mit meinem Mann und unseren zwei kleinen Kindern im Eigenhaus wohne.  12 Kilometer von uns entfernt liegt Hechingen und das sogenannte Medical Valley. Hier haben sich im Laufe der Zeit allerlei medizintechnische Unternehmen niedergelassen. Ich arbeite seit zehn Jahren bei der Firma JOTEC in der Produktion (seit 2014 in Teilzeit, nach der Geburt meines ersten Kindes). Wir stellen Medizinprodukte zur Behandlung aortaler und peripherer Gefäßerkrankungen her. Vor gut einem Jahr haben wir einen Betriebsrat gegründet, als der Aufkauf unseres Unternehmens durch einen US-amerikanischen Konzern das Fass zum Überlaufen brachte.  In Hechingen wurden schon viele Medizinunternehmen verkauft, was oft mit Standortschließungen einhergeht. Seitdem bin auch ich Betriebsrätin. Im Dezember letzten Jahres bin ich freigestellt worden, erstmal in Vertretung, eventuell aber dauerhaft. Meine gewerkschaftliche Arbeit ist zu meinem Hobby geworden. Ich bin überzeugte Metallerin. Unser mittelfristiges Ziel bei JOTEC ist es, die Tarifbindung in der Firma umzusetzen.

Und dann kam Corona dazwischen. Ich erinnere mich noch, wie ich Anfang März mit unserem Betriebsratsvorsitzenden auf einem IG-Metall-Seminar in Bayern war und uns alles noch relativ ruhig schien. Aber schon auf dem Rückweg, alle Züge hatten Verspätung, war klar, dass die Sache ernster war als gedacht. Gleich am nächsten Morgen begannen die Krisengespräche in unserer Firma. So sind wir da reingestolpert.

Mit Laptops ausgerüstet, wurden die Angestellten sofort alle ins Homeoffice geschickt. Aber die Produktion ließ man erstmal weiterlaufen wie bisher, ohne Schutzmaßnahmen. Die Mitarbeiter*innen in der Produktion sitzen sehr eng beieinander und seit den Neueinstellungen kurz vor Corona ist noch weniger Platz in den Hallen. Die Kolleg*innen hatten große Angst vor möglichen Ansteckungen. Deswegen haben wir als Betriebsrat darauf gepocht, dass dringend Schutzmaßnahmen eingeführt werden müssen, wie Trennschutzwände, differenzierte Ein- und Ausschleusezeiten und dergleichen. Die Situation war ziemlich aufregend in der Firma. Ich hatte die Produktion ja erst vor wenigen Monaten verlassen und musste nun direkt in die Verhandlungen mit der Unternehmensleitung zu den Betriebsvereinbarungen. Im Grunde bringt jeder Tag als Betriebsrätin etwas Neues mit sich, aber das war dann schon noch mal etwas ganz anderes. Den Gesundheitsschutz mussten wir richtig durchsetzen. Aber es hat sich gelohnt: Bis heute haben wir keinen Covid-19-Fall bei uns in der Firma, da kann man echt auf Holz klopfen. Mittlerweile und wegen Corona läuft die Zusammenarbeit mit der Leitung ein bisschen besser. Sie müssen jetzt eben mit uns zusammenarbeiten.

Die Produktion ließ man übrigens die ganze Zeit voll weiterlaufen, obwohl viele Aufträge ausblieben. Das hing mit der Umstellung der Krankenhäuser auf die Pandemie zusammen. Vor allem die Reduktion der medizinischen Eingriffe auf Notoperationen minderte natürlich die Nachfrage nach unseren Produkten. Nichtsdestotrotz hat Jotec bisher keine Kurzarbeit für die rund 470 Beschäftigten anmelden müssen, weil es die Verluste über einen Kredit vom US-amerikanischen Mutterkonzern abfängt. Wir nutzen die Zeit in der Produktion, um unser Lager zu füllen, was wir in den vergangenen Jahren, aufgrund der sehr guten und stetig steigenden Auftragslage nicht geschafft haben. Vielen anderen Unternehmen im Valley geht es da schlechter. Es hängt eben auch vom Produkt ab, wie schwer und folgenreich dich die Krise trifft.

Mittlerweile ist die Stimmung im Betrieb wieder ein bisschen ruhiger geworden. Die anfängliche Angst vor einer  Entlassung konnten wir im Grunde durch die in der Betriebsvereinbarung erkämpfte Beschäftigungssicherung einfangen. Laut der Unternehmensleitung schaffen wir es gut durch die Krise, wenn keine zweite Welle kommt…

Aber die betriebliche Seite ist ja nur der eine Teil der Geschichte.

Um die Arbeit meines Mannes habe ich mir anfänglich große Sorgen gemacht, schließlich ist er bei uns Hauptverdiener. Bisher hatte er das Glück, dass er nicht in Kurzzeit musste und weiterhin Vollzeit arbeiten kann. Aber bei ihm gibt es keinen Betriebsrat, keine Gewerkschaft, und das kann bedeuten, dass es zum Beispiel keine Zuzahlung zum Kurzarbeitergeld gibt. Auch hier gilt also Daumen drücken.

Auf der anderen Seite bedeutet ein Vollzeit arbeitender Ehemann natürlich in Corona-Zeiten für mich noch mehr Arbeit zuhause. Anfänglich, als ich noch von der Firma aus arbeiten musste, haben meine Eltern auf die Kinder aufpassen können. Die wohnen direkt nebenan und sind seit Anfang des Jahres im Ruhestand. Aber als ich dann in der dritten Woche selbst in Homeoffice ging, hatte ich auf einen Schlag ein Büro und zwei Kinder zuhause ins Gleichgewicht zu bringen. Das war nicht einfach. Mein Großer ist sechs und meine Kleine ist vier Jahre alt. Wir sind abends bewusst oft sehr spät ins Bett, weil ich wusste, dass sie dann morgens länger schlafen würden. Ich hab dann morgens um sieben angefangen zu arbeiten. Das ganze Wohnzimmer sieht immer noch aus wie ein Spielzimmer. Es war schon ein ziemliches Chaos zuhause.

Zum Glück hat man im Ländlichen oft den Vorteil, dass die Familien nah beieinander wohnen. Ohne meine Eltern wäre für mich alles sehr viel schwerer gewesen. Das ist in den Städten sicher ganz anders. Zu den Nachbarn hatten wir hingegen sehr wenig Kontakt, wir haben uns nur ab und zu über den Zaun gegrüßt.

Seit dieser Woche dürfen unsere Kinder wieder stundenweise in die Kita. In der einen Woche werden sie zwei Tage, in der anderen Woche drei Tage betreut. Die Erleichterung merke ich direkt. Ich kann nächste Woche wieder in die Firma und raus aus dem Homeoffice. Gestern hatten wir unser erstes Aktiventreffen von der IG Metall. Das war so schön. Ich habe mich darauf so sehr  gefreut: wie Schmetterlinge im Bauch! Der Kontakt zu den anderen hat mir unglaublich gefehlt.

Meine Ängste von vor ein paar Wochen sind mittlerweile weg. Gleichzeitig weiß ich aber, dass uns eine zweite Welle das Genick brechen könnte. Sagen wir es so, ich blicke momentan vorsichtig optimistisch in die Zukunft.

 

 

»In dieser Corona-Krise fällt es mir sehr schwer Hilfe zu suchen.«

Seit knapp fünf Jahren bin ich als Sexarbeiterin tätig. Ich besuche Männer zu Hause oder in Hotels. Oft handelt es sich dabei um sehr angenehme Geschäftsleute, die in ihren einsamen Hotelzimmern nach etwas Gesellschaft suchen. Manchmal kommen auch Bürobesuche vor. Ich kenne inzwischen sehr viele Hotels in dieser Stadt.

Als Prostituierte im landläufigen Sinne verstehe ich mich nicht. Ich bin aber auch weit davon entfernt, mir ein “privilegiertes Image” geben zu wollen. Wenn ich sage, dass ich dem Bild der Prostituierten nicht entspreche, dann meine ich das medial verbreitete Klischee von Rotlicht, High-Heels und aufreizender Kleidung. Der Reiz eines Dates liegt in der zwischenmenschlichen Begegnung.

Auch wenn ich selbstbestimmt arbeite, war mir in all den Jahren durchaus bewusst, dass meine berufliche Situation endlich und sehr relativ ist. Mit allem hätte ich gerechnet, aber nicht mit einem vorläufigen Schlusspunkt namens Corona.

Ich habe praktisch keine Sicherheiten. Damit meine ich primär soziale Bindungen, die mich tragen könnten. Mein Job ist nicht von der Stange, und ich würde nicht jedem sagen wollen, was ich beruflich mache. Dieses Schweigen ist zwar meine eigene Entscheidung, aber es schränkt gleichzeitig meine sozialen Potenziale ein und ich lebe eher zurückgezogen. Auch mit anderen Sexarbeiter*innen gibt es sehr wenige Schnittmengen. Ich bewege mich in Kontexten, die mich zu einer Außenseiterin machen. Das ist für mich nicht schlimm. Ich mag meine Beobachterperspektive und empfinde Normalos oft als ziemlich begrenzt.

In der Corona-Krise fällt es mir sehr schwer Hilfe zu suchen. Natürlich könnte ich ALG II beantragen, weil ich ohne Einkommen bin. Aber ich schaffe es nervlich bis heute nicht. Gerade versuche ich, mich neu zu erfinden. In den letzten Wochen habe ich mehr als drei Dutzend Bewerbungen geschrieben. Ich hatte auch schon ein erstes Vorstellungsgespräch. In diesem Gespräch habe ich die ganze Zeit gequasselt, damit mir von der Recruiterin bloß keine unangenehmen Fragen gestellt werden. Wenn ich etwas kann, dann reden. Aber ich mag es nicht, mit Vorurteilen konfrontiert zu werden. Für mich war es schon ein Erfolg, dieses Gespräch überhaupt zu überstehen.

Vielleicht schaffe ich es ja diese Krise zu etwas Gutem zu nutzen. Schon im letzten Jahr habe ich mit einem Job-Coaching angefangen, das mir von Hydra, einer Beratungsstelle für Prostituierte, vermittelt wurde. Eigentlich wollte ich mir neben meiner Escort-Tätigkeit ein zweites Standbein aufbauen. Jetzt, angesichts von Corona müsste das wahrscheinlich ein ganz neuer und mein eigentlicher Beruf werden. Stichwort: Quereinsteigerin. Ja, ich habe einen akademischen Grad und mein Lebenslauf ist auch kein leeres Blatt. Aber für diese Leistungsgesellschaft fühle ich mich auch jenseits meiner momentanen Situation nicht so gut gewappnet. Ich war mit meiner Nische in der Sexarbeit sehr zufrieden, auch wenn das vielleicht aus dem Blickwinkel von Normalos eher ein Abseits war.

Wenn ich jetzt an den Kaffeehäusern dieser Stadt vorbeilaufe und sehe, wie sich die öffentlichen Räume wieder füllen, dann denke ich mir manchmal, dass da mehr Leute auf einem Haufen sitzen, als ich in Tagen und Wochen treffen könnte. Dann werde ich traurig, weil manche Politiker*innen weiter gegen meine Berufsgruppe hetzen. Sie bezeichnen uns als Virenschleudern, um ein Sexkaufverbot durchzusetzen. Die ganzen Corona-Maßnahmen können dazu führen, Menschen aus der Sexarbeit weiter zu stigmatisieren und ins Abseits zu drängen.

Am Ende sehe ich mich wieder in meiner gewohnten Tätigkeit, mangels Alternativen, aber unter erschwerten Bedingungen.

 

 

»Also wurde unsere Wohnung zum Call-Center«

Als am 16. März die Schulen geschlossen wurden, waren es noch drei Wochen bis zu den Osterferien.  Das, so schien es, war auszuhalten, danach würde alles wie vorher sein. So dachten wir anfangs. Mein Mann und ich unterstützen Kinder[1] [12] aus Flüchtlingsfamilien bei den Hausaufgaben. Die Osterferien wollten wir dazu nutzen, Schulstoff zu wiederholen und Vokabeln zu üben.

Doch schon Ende März war ein Zugang zur Gemeinschaftsunterkunft, in der ein Teil der Kinder wohnt, nicht mehr möglich. Auch jene, die mit ihren Eltern in einer eigenen Wohnung leben, konnten wir aufgrund der Kontaktsperre nicht besuchen. Also hielten wir Kontakt über WhatsApp.

Die Kinder bekamen von ihren Lehrer*innen per Email oder über eine Cloud ihre Hausaufgaben zugeschickt.

In der Regel haben die Kinder, die wir unterstützen, Smartphones oder können die ihrer Eltern nutzen. Sie kennen Google und verständigen sich mit WhatsApp. Email-Programme, Schreibprogramme oder PowerPoint standen aber nicht allen zur Verfügung. Und auch einen Drucker besitzen die meisten nicht.

Die Schulleitungen versuchten, über Elternbriefe Kontakt mit den Eltern herzustellen. Mit gut gemeinten Tipps wandten sie sich an sie: Man müsse den Tag gut strukturieren, den Kindern einen festen Arbeitsplatz einrichten, sie sollten den Lehrer*innen eine E-Mail schreiben, wenn sie Fragen hätten. Aber welche Fragen sollen Eltern stellen, die weder diese Briefe lesen noch eine E-Mail schreiben können? Ruhige Arbeitsplätze sind in Wohncontainern rar, auch in vollen Wohnungen.

Also wurde unsere Wohnung zum Call-Center, jede*r von uns telefonierte zwischen zwei und vier Stunden täglich. Die Kinder fotografierten die relevanten Seiten aus dem Schulbuch und schickten sie uns per WhatsApp. Wir kamen in die Verteiler der Schulen, sodass man sich an uns wenden konnte. Wir druckten Arbeitsblätter aus und brachten diese gelegentlich zu den Familien. Am Ende der Woche sammelten wir die Arbeitsergebnisse ein, scannten sie und schickten sie zurück an die Lehrer*innen.

Ich war überrascht, um wie viel anstrengender es ist, Dinge am Telefon zu erklären. Nicht nur die Tatsache, dass die Kinder selbst noch dabei sind, sich die deutsche Sprache anzueignen, stellt auch für alle anderen Fächer eine Schwierigkeit dar. Sie kennen auch viele Dinge nicht. Wie soll man beispielsweise den Umfang einer Walze errechnen, wenn unklar ist, was eine Walze ist? Aber auch die Erläuterungen auf den Arbeitsbögen – zum Beispiel der Unterschied zwischen einer symmetrischen und einer asymmetrischen Korrelation – können sie sich nicht allein erschließen. Am krassesten zeigte sich das beim Physikunterricht. Die Versuchsanordnungen, die der fantasie- und hilfreiche Lehrer ersonnen hatte, konnten von den Kindern nicht ohne Weiteres umgesetzt werden. Zum Teil brachten wir ihnen überhaupt erst die erforderlichen Materialien und filmten die Probedurchführungen.

Während wir nun täglich Englischvokabeln paukten, Matheaufgaben lösten, die Kalendergeschichten von Peter Johann Hebel nacherzählten und deren Moral ergründeten, den Wasserkreislauf rekonstruierten etc., blieb es von Seiten mancher Lehrkräfte ziemlich still. Ich hatte eigentlich angenommen, dass die Klassenlehrer*innen in den drei Wochen bis zu den Osterferien Zeit fänden, mit ihren Schüler*innen telefonisch Kontakt aufzunehmen. Doch einige schickten einfach die Kopie aus dem Lösungsheft und baten die Kinder um Rückmeldung, welche Fehler gemacht worden waren.

Es gab aber auch sehr engagierte Lehrer*innen. Manche organisierten beispielsweise ein virtuelles Klassenzimmer, in dem täglich von 9 bis 13 Uhr Unterricht stattfinden konnte. Hier die Teilnahme zu ermöglichen, war kompliziert, aber erfolgreich. Eine andere Schule bot Eltern und Kindern an, sich einmal wöchentlich persönlich ein »Lernpaket« abzuholen.

Im Kontakt mit den Lehrkräften wurde mir allerdings auch erneut bewusst, wie wenig ihnen häufig über Herkunft und Lebenssituation der Kinder bekannt ist. Als wir dann mit ihnen über die Hintergründe der Kinder sprachen, waren die meisten von ihnen aber wiederum sehr interessiert und boten ihre Unterstützung an. So war eine große Hilfe zum Beispiel, dass Kinder mit unzureichender Ausstattung ein Leih-iPad von der Schule erhalten konnten.

Als klar wurde, dass die Corona-Krise nicht einfach nach Ostern vorbei sein würde, erhöhten sich die Anstrengungen der Schulen, die Kommunikation über eine Schul-Cloud zu verbessern. Der Kontakt der Lehrer*innen mit den Schüler*innen blieb jedoch unterschiedlich. Deshalb waren Freude und Erleichterung groß, dass nach und nach die ersten Schüler*innen wieder zur Schule »durften«, wenn auch nur tage- und stundenweise.

Mein Eindruck ist, dass die Schulen hier wirklich ihr Möglichstes tun. Klar ist aber auch, dass diese Form des Unterrichts bedeutet, dass viel mehr Lehrer*innen gebraucht werden, weil jede Klasse in zwei Gruppen geteilt wird. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Vertretungslehrer*innen einspringen müssen, die versuchen, den notwendigen Fachunterricht in den Kernfächern sicherzustellen. Die sogenannten Nebenfächer entfallen zumeist.

Bis zu den Sommerferien sind es nun nur noch wenige Wochen. Sie bieten die Chance, mit den Kindern Versäumtes nachzuholen oder Wissen zu vertiefen. Ich hoffe, dass wir uns dafür physisch treffen können und auch Nichtschulisches unternehmen dürfen. Mit Sorge lese ich allerdings, dass auch nach den Sommerferien der Schulbetrieb nicht wieder regulär in Betrieb genommen werden kann.

Wir kennen und begleiten die Kinder seit drei Jahren und wissen um ihre Bemühtheit, ihren Fleiß,  ihre Pünktlichkeit und Zugewandtheit. Ihr Engagement hat über diese ganze schwierige Zeit nicht abgenommen, trotz der beschriebenen Komplikationen (und immer mal wieder zusammenbrechender Telefonverbindungen). Unsere Arbeit ist jedoch nur ein kleiner Rettungsring für die Kinder, die in den deutschen Schulen ohnehin einen schweren Stand haben. Die Coronazeit verschärft dieses Problem nun enorm. Ich sehe da derzeit keine Lösung, außer Patenschaften für alle diese Kinder. Wer will mitmachen?

 

 

»Die Politiker haben allen geholfen, aber für uns gibt es keinen Cent.«

Vor 28 Jahren kam ich mit meiner kleinen Tochter nach Deutschland. Heute bin ich 62 Jahre alt. Ich bin ein rebellischer Mensch. Von meinen Eltern bin ich von einem auf den anderen Tag weggegangen. Sie haben mich gesucht und einen Onkel zu mir geschickt. Der wollte mich mit einer Pistole zwingen, zurückzukommen. Ich habe mich aber nicht einschüchtern lassen. Mit meinem Mann war es erst die große Liebe, aber dann schnell vorbei. Ich war froh, dass ich nach Deutschland kommen konnte. Aber es gibt auch viele Schwierigkeiten. In der Türkei war ich Buchhalterin und hier musste ich putzen oder in Küchen und Kantinen aushelfen. Viele Jahre habe ich in Altenheimen gearbeitet. Dort habe ich ältere Leute kennengelernt. Ältere Menschen brauchen ein wenig Liebe und jemanden, der die beschützt. Ich mache das gerne.

Als ich arbeitslos wurde, konnte ich vom Arbeitsamt finanziert eine Ausbildung zur Fachkraft als Alltagsassistentin machen. Ich war so stolz darauf, dass ich die Ausbildung in meinem Alter noch geschafft habe und habe mir so gewünscht, damit eine Arbeit zu finden. Jetzt ist alle Hoffnung vorbei. Ich habe nur einen Minijob in der Hauswirtschaftlichen Hilfe beim Roten Kreuz, das heißt ich sollte alten Leuten in der Wohnung, beim Einkauf oder bei der Wäsche helfen. Wegen Corona darf ich aber ihre Wohnungen nicht betreten. Ich kann nur einkaufen, Rezepte beim Arzt abholen und so etwas.

Mich hat die Rede von Merkel damals im März, als die Coronasache anfing, sehr aufgewühlt. Merkel hat gesagt, dass sich 70 Prozent der Bevölkerung infizieren werden. Ich denke, man kann jemandem vertrauen, der klipp und klar sagt, was einen erwartet. So ein Mensch ist stark genug, auch dann zu handeln, wenn es noch schlimmer kommt. Sie hat genug Kraft, auch dann ganz ruhig zu sagen: »Vorsicht, wir müssen noch mehr Grenzen setzen.«

In der Türkei kann man den Politikern nicht trauen, sie lügen immer. Besser ist es, wenn einem jemand wie Merkel sagt, es ist schlimm. Dann weiß man, woran man ist. Wenn du in der Türkei auf der Straße keinen Mundschutz trägst, musst du Strafe zahlen, aber die Leute besuchen sich nach wie vor gegenseitig und sitzen zu zehnt in einem kleinen Wohnzimmer, als sei nichts.

Ich habe Angst wegen meinem Asthma, ich glaube, wenn ich mich infiziere, werde ich das nicht überleben. Aber der Gedanke selbst zu sterben, ist nicht so schlimm wie die Sorge, ich könnte das Virus auf die alten Leute übertragen, die ich betreue. Damit könnte ich nicht leben.

Die Krise trifft mich sehr hart. Ich lebe von Hartz IV. Wegen Corona ist alles teurer geworden. Ich brauche Handschuhe und Desinfektionsmittel. Die Politiker*innen haben alle geholfen, aber für uns gibt es keinen Cent.

Ich kann nicht arbeiten, wir können uns nicht besuchen. Ich bin eine Türkin, wir sind „anfassende“ Menschen. Normalerweise muss ich Sachen befühlen und beschnuppern und jetzt darf ich noch nicht mal jemanden umarmen. Ich kann nicht immer allein zu Hause sein. Aber ich weiß jetzt, wenn ich alt bin, werde ich es auch alleine zu Hause aushalten. Der Mensch kann alles lernen.

Vor etwa zehn Jahren ist meine einzige Tochter nach Australien ausgewandert. Jetzt wollte sie mich eigentlich mit meinem Enkelkind besuchen kommen, aber das geht natürlich auch nicht.

Die Hoffnungen, dass sich in Zukunft etwas bessert, habe ich alle verloren. Ich habe Angst, nicht nur für mich, sondern auch für meine Klienten. Am meisten belastet mich die Frage, ob ich nach der Coronakrise nochmal eine Arbeit finden kann. Ich will nicht zum Jobcenter gehen müssen, ich  will arbeiten. Aber ich muss kämpfen, was auch passiert.

Ich hoffe, irgendwann ist Corona ganz weg.

 

 

»Ich finde das ganze Reden über Solidarität in der Krise aufgesetzt und verlogen.«

Mein Name ist Andreas. Ich bin 52 Jahre alt, unverheiratet und kinderlos. Die letzten Jahre habe ich für Zeitarbeitsfirmen zum Mindestlohn gearbeitet. Dass ich in der Corona-Krise gekündigt wurde, traf mich nicht unerwartet. Ich kenne das doch: Wenn Du gebrauchst wirst, holen sie Dich, wenn nicht, fliegst Du wieder raus. So ist das eben, wenn man prekär beschäftigt ist. Man hat da nicht so eine Bindung, wie bei einem Unternehmen, bei dem man fest angestellt ist. Dort, wo ich gearbeitet habe (u.a. Warenhäuser), stellen sie seit Jahren niemanden mehr fest ein, und bei den Discountern gibt’s nur halbe oder Geringverdiener-Stellen. Da ist Leiharbeit besser, da gehen auch mehr Stunden. An die ständigen Wechsel – mal Arbeit, mal nicht – gewöhnt man sich, muss man sich gewöhnen. Sonst bekommt man Magengeschwüre.

Durch die Schließung der Geschäfte fielen die Aufträge weg. Natürlich hat Arbeitslosigkeit – auch wenn man das kennt – Auswirkungen auf den Alltag. Dies beginnt schon morgens mit dem Aufstehen. Der Druck ist weg und das verändert den Tag – man plant anders. Ostern musste ich umsteuern. Besuche fielen aus und den Ausflug mit einem Freund Richtung Hessen konnten wir nicht machen. Wir wollten mit dem Flixbus durchs Land zu Freunden. Das war schade, und psychisch ist das belastend. Wir hatten uns drauf gefreut. Sonst komme ich gut mit dem Alltag zurecht. Ich beschäftige mich gerne mit ganz unterschiedlichen Dingen wie mit Literatur – und ich gehe spazieren. Mich interessieren die Berlinischen Sachen und nun habe ich endlich mal den »Hauptmann von Köpenick« in der Originalfassung gelesen. Das war wie Abtauchen – eine ganz andere Welt.

Bedrohlich finde ich die Angst, die hierzulande gerade verbreitet wird. Dies ist nichts Neues. Seit Jahren wird mit der Angst der Menschen gespielt, um damit politische Ziele durchzusetzen. Es ist für mich ein Irrsinn, den Menschen einreden zu wollen, es könnte ein risikofreies Leben geben, wenn man sich nur entsprechend verhält. Dies ist eine trügerische Scheinsicherheit, die eher zum Gegenteil führt. Hartz IV begann auch mit Angst: Die sozialen Sicherungssysteme schaffen es nicht, die Wirtschaft bricht ein… Was haben die nicht alles erzählt, warum man das jetzt so machen muss. Angst ist das Kalkül. Aber das funktioniert auch und das Schlimme ist, die Leute gewöhnen sich daran. Und jetzt wieder Angst und die vielen Grundrechtseinschränkungen. Mich besorgt, dass einige nicht wieder in Kraft gesetzt werden könnten, die sind ja schon lange nicht wenigen Politiker*innen ein Dorn im Auge.

Positiv an der Corona-Krise ist für mich die Tatsache, dass sich das Leben verlangsamt hat und nicht alles den Bedürfnissen der Wirtschaft untergeordnet wird. Zweifellos würde die Krise die Chance bieten, die Gesellschaft zu verändern. Dass man wieder über solidarisches Verhalten spricht, oder darüber, nicht alles nur ökonomisch zu sehen. Nicht auszudenken, wenn beispielsweise das Gesundheitswesen nicht nur nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten funktionieren würde. Da hat die Corona-Krise die Grenzen aufgezeigt und die Ideologie der Liberalisierungen widerlegt. Aber ich finde das ganze Reden über Solidarität in der Krise aufgesetzt und verlogen. Dies sieht man ja an den Pflegekräften. Abends soll man auf dem Balkon für sie klatschen, in der Presse sind sie Alltagshelden und dann kommen sie im Konjunkturpaket nicht vor. Eine gerechte Bezahlung wäre hier viel mehr wert als Floskeln.

In meinem Wohnhaus waren die Bewohner*innen schon immer offen für andere Mieter*innen, die Hilfe brauchten. Dies nur zu zeigen, wenn gerade »Krise angesagt« ist, ist alles andere als solidarisch und würde eher in die Kategorie ›Verlogenheit‹ passen.

Schwierig fand ich, dass die Menschen nur noch aneinander vorbeigehen. Jetzt entfällt für viele der tägliche Plausch beim Einkaufen oder auf der Straße. Gerade für viele ältere Menschen sind diese Kontakte aber wichtig.

Mir ist schon lange klar, dass bestimmte Zusammenhänge in Politik und Gesellschaft so nicht funktionieren. Da ist die reine Ausrichtung auf Wirtschaftswachstum oder die seit Jahren propagierte Globalisierung. Gerade die Grenzen von letzterem hat ja zur Ausbreitung von Corona geführt. Der enorme Warenverkehr, die Reisegeschwindigkeiten usw…

Dass es wirklich langfristig Veränderungen gibt, da bin ich eher pessimistisch. Dies zeigen die Maßnahmen der Bundesregierung nur zu deutlich. Die Wirtschaft wird um jeden Preis angekurbelt, das Soziale und die viel beschworene Solidarität ist schnell wieder vergessen. Auf ein Neues, sag ich da nur!

 

Foto: Michael Knapek/flickr [15] [16]

 

»Diese Krise fühlt sich für mich an wie ein Vakuum«

Ich bin Bora Y., Nach meiner Jugend in Bayern zog ich nach Köln, wo ich eine Ausbildung zum Motion Graphic Designer absolviert habe. Seit 15 Jahren lebe ich nun in Berlin und habe eine jugendliche Tochter. Bevor ich mich meiner Leidenschaft, der Malerei, gewidmet habe, war ich in einer Einrichtung für Menschen mit Schwerbehinderung und in verschiedenen Agenturen beschäftigt. In Meiner Kunst setze ich mich vor allem mit den Themen Kindheit, Prägung, meiner Perspektive auf die Welt auseinander.

Heute ist der erste Tag, an dem ich meine Galerie seit Beginn der Krise wieder für Passant*innen geöffnet habe. Es ist aber noch sehr ruhig, einen Gast hatte ich bisher den Tag über. Corona hat gravierende Auswirkungen auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen von vielen Künstler*innen in Berlin, auch auf meine. Ich habe jetzt gerade nicht so die schaffende Phase, sondern versuche mich gerade eher auf dem Markt zu positionieren. Das ist eher schwierig, weil viele Ausstellungen, die ich geplant hatte, abgeblasen wurden. Ich bin in so einen Nichts-Tun-Trott gekommen. Es fällt mir momentan schwer, mich aufzuraffen. Seit Beginn der Krise habe ich 20kg zugenommen, deshalb versuche ich jetzt regelmäßig Sport zu treiben und halte streng Diät.

Die sozialen Kontakte auf ein Minimum reduzieren zu müssen, hat mir sehr zugesetzt. Diese Ungewissheit, wann es weitergeht, auszuhalten fällt mir schwer. Ich fühle mich beschnitten in der Gestaltung meines persönlichen Lebens, sehne mich nach dem alten. Es ist wie in einem Vakuum. Ich weiß nicht, wo das hingeht. Ich bin noch nicht so richtig im Flow, Selbstverständlichkeiten von vor der Krise sind auf einmal nicht mehr da. Zurück in die Normalität will ich dennoch nicht. Ich versuche der momentanen Situation etwas Positives abzugewinnen. Viele sprechen von Entschleunigung, das kann ich teilen. Ist es wirklich der 9 to 5 Job, bis ich in Rente gehe? Oder ist es etwas anderes, was ich vom Leben erwarte? Ich hoffe zum Beispiel, dass viele nicht einfach wieder in diesen blinden Konsum zurückfallen werden. Meine eigene Hoffnung und Zuversicht geben mir derzeit Sicherheit.

Weniger als vor der Krise fühle ich mich als Teil eines Kollektivs. Von Nachbar*innen fühle ich mich überwacht, wie viele Personen sich in meinem Haushalt gerade aufhalten. In der Öffentlichkeit wird ein simples Niesen sanktioniert. Hamsterkäufe erschwerten über einige Wochen die Versorgung mit dem Nötigsten, andere gehen gegen die Corona-Schutzmaßnahmen auf die Straße und formieren sich in zum Protest aus einer bedrohlichen gesellschaftlichen Grundstimmung heraus. Diese Panik, die bei vielen herrscht, möchte ich nicht länger ertragen. Das kann gefährlich sein. Ich rechne damit, dass noch irgendwas Böses passieren kann, weiß der Teufel was. Ich mag das nicht, wenn alle in Angst leben. Neue Formen der Solidarität kann ich auf gesellschaftlicher Ebene nicht feststellen. In meinem eigenen Freund*innenkreis, da ja. Ein Freund hat mir in letzter Zeit immer wieder ausgeholfen, wenn ich kein Geld hatte, damit ich etwas zum Beißen habe. Diese Form der Hilfsbereitschaft hatte ich nicht erwartet. Durch meine körperliche Behinderung habe ich Anspruch auf Hartz IV, das jedoch so knapp bemessen ist, dass es allein für Lebensmittel oft nur bis zur Monatsmitte reicht. Die Soforthilfe vom Staat für Selbstständige habe ich wegen des Anspruchs auf Hartz IV nicht bekommen. Ich wünsche mir dringend mehr Unterstützung für kleinere Betriebe im Kultursektor und in der Gastronomie. Ich befürchte, dass viele jetzt einfach Pleite gehen werden.

Ich möchte mich wieder besonderen Momenten und Eindrücken hingeben können, sie aufsaugen und transformieren, reflektieren. Der Austausch mit verschiedenen Menschen und Kulturen ist mir so wichtig wie die Luft zum Atmen, das wünsche ich mir zurück.

 Anmerkung

[1] [17] Es handelt sich um sechs Kinder aus vier Familien aus dem Nordirak, die die 3., 5., 6., und 7. Klasse in verschiedenen Schulen und verschiedenen Stadtteilen Berlins besuchen.