| Interview: „ … was als Übergangszeit definiert wurde, dauert schon viel zu lange!“

Mai 2016
Gespräch mit Majd Jammoul über Selbstorganisierung von Geflüchteten in einer Sammelunterkunft in Berlin-Lichtenberg

Du lebst zur Zeit in einer Berliner Sporthalle. Wie kam das und wie ist es dort?

Ich habe mich seit 2011 mit verschiedenen Aktivitäten an den Protesten in Syrien beteiligt. Ab Mitte 2015 gingen uns jedoch jegliche Handlungsmöglichkeiten verloren. Die meisten meiner MitstreiterInnen waren in alle Erdteile verstreut oder vom syrischen Regime inhaftiert. Aus politischen Gründen durfte ich meine Masterarbeit in Volkswirtschaft nicht schreiben. Außerdem habe ich meinem Bruder geholfen, vom Militärdienst zu desertieren. Aus all diesen Gründen musste ich Syrien verlassen. Nach einer furchtbaren Reise über die Ägäis – unser Boot ging unter, Dutzende von Menschen starben, mich rettete die griechische Küstenwache – kam ich Ende 2015 nach Berlin. Seit Januar 2016 lebe ich in der Sporthalle der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in der Treskowallee in Lichtenberg. Wir sind insgesamt 190 Männer und leben alle in dieser einen Halle. Die meisten von uns sind jung, viele kommen aus Syrien und dem Irak, einige auch aus dem Iran, aus Afghanistan, Pakistan und Eritrea.

Was haben du und deine Freunde in der Sporthalle unternommen, um Eure Situation zu verbessern?

Wir haben uns zusammen getan, um sowohl hier drinnen als auch draußen etwas zu verändern. Was die Situation in der Halle angeht, versuchen wir einfach, unsere Lebensbedingungen zu verbessern und unsere gemeinsamen Entscheidungen auf demokratischere Weise zu treffen. Was die Außenwelt betrifft, so versuchen wir, für die Kommunikation zwischen den Bewohnern und dem Viertel, aber auch zwischen den Bewohnern und den HTW-Angestellten und Studierenden zu sorgen. Bei der Verbesserung der Bedingungen hier werden wir von der Heimleitung unterstützt. In unserem Fall ist sie sehr offen für Anregungen und Ideen. Der Träger heißt Sozdia, eine kleine Organisation, die nur diese eine Unterkunft in Berlin betreibt. Wir sitzen oft bis Mitternacht mit der Heimleitung zusammen und diskutieren darüber, wie sich aus der Turnhalle ein halbwegs lebenswerter Ort machen ließe. Wir haben beispielsweise die Einrichtung eines Gemeinschaftsraums, eines Leseraums und eines islamischen Gebetsraums angeregt – es handelt sich um kleine Räume im Duschtrakt. Nachdem wir Regeln für die Benutzung und Zuständigkeiten festgelegt hatten, haben wir die Räume auch bekommen. Bei Forderungen, die von Beschlüssen und der Finanzlage des Landesamts für Gesundheits und Soziales in Berlin (LaGeSo) abhängig sind, ist alles schwieriger. Manchmal dauert es Wochen, bis unsere Forderungen erfüllt wurden, etwa die nach abschließbaren Schränken und Waschmaschinen. Beides haben wir aber letztlich bekommen. In anderen Fällen haben wir nichts erreicht. Beispielsweise haben wir versucht, für ein klein bisschen Privatspähre in der Sporthalle zu sorgen; dazu hätten wir gerne Wände eingezogen, die ein junger Ingenieur entworfen hat, der hier untergebracht ist. Die Halle hätte so in Vierbetträume unterteilt werden können. Dafür haben wir aber nie die Genehmigung erhalten. Die Halle ist absolut kein angemessener Ort zum Wohnen und Leben. Dennoch harren wir hier jetzt schon seit vielen Monaten aus, und niemand weiß, wie lange das noch weitergehen wird.

Fast alle hier sind depressiv. Es ist furchtbar, in diesem geschlossenen Raum zu leben, ohne irgendetwas zu tun zu haben, außer schlafen, essen und auf einen Termin beim LaGeSo oder Bundesamt für die Anerkennung von Flüchtlingen (BAMF) zu warten. Die meisten Menschen hier haben ihr ganzes Leben gearbeitet und sind es nicht gewohnt, nichts zu tun außer im Bett zu liegen. Einer von ihnen hat mir gesagt: In der Zeit, die wir schon hier sind, hätten wir in dieser Unterkunft ohne Weiteres ein Team zusammenstellen können, das über alle Fertigkeiten verfügt, um ein schönes, vollständig ausgestattetes Gebäude zu errichten.

Wie habt Ihr versucht, eure Beziehungen untereinander zu verändern – in Richtung mehr Demokratie?

In den ersten Monaten bestand ein großes Problem darin, dass der Wachschutz nachts in die Halle kam, zwischen den Betten umherlief und Ruhe anordnete: und das auf eine sehr autoritäre, respektlose Art. Viele von uns waren darüber sehr verärgert, also haben wir darüber nachgedacht, ob es nicht eine bessere Weise gibt, dafür zu sorgen, dass alle schlafen können. Wir haben auch allgemeiner darüber nachgedacht, wie wir Konflikte untereinander selbst lösen können. Es gibt viele unterschiedliche Ansichten und Interessen in der Unterkunft – und das ist ja auch völlig nachvollziehbar. Jeder Ort auf der Welt, an dem die Menschen keine Privatsphäre haben, zieht diese Art von Problemen nach sich. Einer spricht zu laut, der andere telefoniert viel, wieder andere wollen schlafen und so weiter.

Also haben meine Freunde und ich ein Verfahren zur Selbstverwaltung angeregt. Wir haben uns in Gruppen organisiert: Etwa 15 Leute, die besonders daran interessiert waren, die Probleme zu diskutieren, haben jeweils eine Gruppe von etwa sieben oder mehr Freunden angesprochen. Diese Delegierten, wie man sie nennen könnte, haben alles mit ihren Freunden besprochen und die Ergebnisse dann ins nächste gemeinsame Treffen hineingetragen. Wir haben auch eine Gruppe von Leuten gebildet, die nachts durch die Halle zieht und die Menschen auf sehr freundliche Weise bittet, entweder leise zu sein oder aber nach oben, in den Gemeinschaftsraum zu gehen. Wir haben uns auf neue Regeln geeinigt und sie öffentlich bekanntgegeben. Es war tatsächlich wie die Agora-Demokratie im alten Griechenland! Bei den neuen Regeln ging es um Dinge wie ein Rauchverbot, Nachtruhe und Belüftung. Wir wollten einfach klarstellen, dass wir keinen Wachschutz brauchen, um unsere Probleme zu lösen. Rückblickend kann man sagen, dass wir erfolgreich waren, teilweise sogar mehr als erwartet. Schließlich sind viele aus der Erfahrung mit Diktaturen gewohnt, dass alles über Repression geregelt wird. Deswegen gab und gibt es in unserer Unterkunft auch eine Gegenposition,  also Menschen, die sich unserer Initiative stark widersetzten. Sie behaupteten, Unterdrückung sei der einzige Weg, die Probleme zu lösen, insbesondere, da die Leute in der Halle keine Erfahrungen mit Demokratie hätten. Sie sprachen sich für strengere Strafen aus: Beispielsweise sollten Personen, die rauchen, dadurch bestraft werden, dass man sie zwingt, die ganze Nacht im Hof zu verbringen, auch mitten im Winter. In unseren gemeinsamen Diskussionen haben wir als Alternative zu dieser Strafe durchgesetzt, dass alle, die gegen das Rauchverbot verstoßen, in der Unterkunft eine nützliche Tätigkeit übernehmen müssen. Anfangs dachte ich, dass sich vielleicht nur zwanzig Leute an dieser Initiative beteiligen würden. Aber mittlerweile haben viele Menschen in der Unterkunft an der Vorstellung Gefallen gefunden, dass wir unsere eigenen Regeln aufstellen. Im Ergebnis haben wir weniger Verstöße, weniger strenge Strafen, mehr Verantwortung und Zusammenarbeit. Außerdem kommt der Wachschutz nachts nicht mehr in die Halle.

Welche Erfahrungen haben die Leute in der Unterkunft bisher ganz allgemein mit Selbstorganisierung oder politischem Aktivismus?

In unseren Herkunftsländern kümmert sich – wie gesagt – um alles der Staat. Im Allgemeinen ist das der Erfahrungshintergrund der Menschen, die in der Turnhalle wohnen. Sie durften ihre Angelegenheiten auf lokaler oder kommunaler Ebene nie selbst regeln und haben daher meist überhaupt keine Erfahrungen mit Selbstorganisierung, denn es ist ja fast alles verboten. Die meisten sozialen Aktivitäten haben sich, beispielsweise in Syrien, währende des Aufstands entwickelt, gegen den Willen der Obrigkeit. Dank einiger Dinge, die wir in Richtung Außenwelt unternommen haben, aber auch aufgrund unserer Selbstorganisierung innerhalb des Lagers begeistern sich mittlerweile viele dafür, etwas für die Gemeinschaft oder für andere zu tun.

Welche Aktionen habt Ihr in Richtung Außenwelt unternommen?

Unser zweites Ziel bestand ja von Anfang an darin, Kontakt zu unseren Nachbarn herzustellen, um an der neuen lokalen Gemeinschaft teilzuhaben und unseren Beitrag zu leisten. Unsere erste Aktion ging auf die Idee einiger Leute aus der Unterkunft zurück: Wir haben am 1.Januar die Straße gereinigt, also den Müll aus der Silversternacht entsorgt. Dieser „Street Cleaning Day“ war ein voller Erfolg: Viele Leute, etwa vierzig, wollten sich beteiligen, und so mussten wir in zwei Schichten arbeiten, damit auch alle mitmachen konnten. Die Rückmeldungen der Nachbarschaft waren sehr positiv.

Eine andere Aktion richtete sich an die HTW und die dortigen Studierenden: Wir wollten ihnen für ihre Gastfreundschaft danken sowie für die Feier und die Abendessen, die sie für uns organisiert haben. Wir haben für sie eine Ausstellung zusammengestellt: eine Collage mit Fotos von historisch und kulturell bedeutenden Orten in Syrien; zu jedem Bild gab es einen kurzen Text. Der Ausstellungstitel war: »Liebe Grüße aus Syrien – Kultur ist die gemeinsame Sprache der Welt«. Das war etwas ganz Einfaches, doch es war erstaunlich, wie leicht es uns darüber gelungen ist, mit vielen Studierenden in Kontakt zu treten. Sie haben uns Fragen über die verschiedenen Orte gestellt.

Wir haben uns auch an einer Kundgebung vor dem LaGeSo beteiligt, nachdem das Gerücht umging, jemand sei dort beim Warten draußen gestorben. Am Ende war es zum Glück nicht wahr – was aber wahr ist, ist, dass es dort sehr viel Leid gibt. Ich habe gesehen, wie Leute in den Warteschlangen vor dem LaGeSo zusammenbrechen, aus Erschöpfung oder weil sie krank sind. Wer einen Termin hat, stellt sich in der Regel bereits in der Nacht vorher an. Du kannst dir vorstellen, was das im Winter bedeutet. Und der Wachschutz dort verhält sich unmöglich. Einige AktivistInnen aus Berlin haben im Januar diese Kundgebung organisiert, und ich bin mit einigen Leuten aus der Unterkunft hingegangen.

Es gab auch eine Demonstration, die von den Turnhallenbewohnern selbst organisiert wurde, nach den Medienberichten über die Kölner Silversternacht. Daran hast du dich nicht beteiligt, warum nicht?

Einige Leute wollten ein öffentliches Zeichen setzen, dass die Vorfälle in Köln nicht Ausdruck der Einstellung aller Flüchtlinge sind. Sie wollten zeigen, dass sie gegen sexuelle Gewalt und Belästigung sind. Also haben sie englische und deutsche Transparente angefertigt und die Demonstration in der Unterkunft angekündigt. Dann sind sie, vielleicht zu fünfzigst, zu der nahen U-Bahn-Station Tierpark gezogen. Ich habe mich nicht beteiligt, weil ich keinen Grund sehe, weshalb ich mich schuldig fühlen oder auf das reagieren sollte, was irgendein Marokkaner oder Syrer, oder wer auch immer, in einer fernen Stadt getan hat. Das Problem sind die Medien, die kriminelles Verhalten immer mit uns Flüchtlingen in Verbindung bringen. Diese Kategorie der Flüchtlinge als homogene Gruppe lehne ich ab. Meiner Meinung nach führt sie zu Rassismus, befördert die Isolation und mündet in Gewalt. Es scheint mir absurd, dass ich demonstrieren soll, um deutlich zu machen, dass ich keine sexuelle Gewalt befürworte. Außerdem hat mir eine deutsche Bekannte gesagt, dass sexuelle Belästigung in der deutschen Gesellschaft Alltag ist. Sie sei an der Universität bereits drei oder viermal belästigt worden. Das ist in Deutschland also nichts Neues.

Du hast noch eine andere schlechte Erfahrung gemacht mit der kriminalisierenden Berichterstattung der Medien, die unmittelbar Eure Halle betraf. Worum ging es da?

Am 25. Februar wurde der Heimleiter von Angestellten des Wachschutzes verletzt. Die Medien haben daraus eine angebliche Massenschlägerei gemacht und die Bewohner der Halle für den Vorfall verantwortlich gemacht. Das war absurd. Ein Glück hatte ein Bewohner ein Smartphone-Video gemacht. Damit konnten wir beweisen, dass es ein Security-Mann gewesen war, der von hinten einen schweren Metallgegenstand auf den Heimleiter geworfen und ihn schwer verletzt hatte. Einige vom Wachschutz hatten von Anfang an ein sehr aggressives, diskriminierendes und machistisches Verhalten an den Tag gelegt.

Wir haben reagiert, indem wir zusammen mit dem Heimmanagement die Vorfälle ausführlich recherchiert und dann eine Pressemitteilung herausgegeben haben. Der Betreiber Sozdia hat dann noch eine Pressekonferenz gemacht, auf der ich gesprochen habe. Die Medien reagierten mit großem Interesse, und es ist uns recht gut gelungen, die Berichterstattung über den Vorfall zu ändern. Viele Berliner Zeitungen haben Richtigstellungen veröffentlicht. Die Leute in der Halle sind dadurch näher zusammengerückt.

Wie vernetzt ihr euch mit den ehrenamtlichen UnterstützerInnen oder mit der Nachbarschaft? Gibt es Formen einer politischen Zusammenarbeit oder stabilere Bündnisse?

In unserer kleinen Unterkunft haben wir tatsächlich viele Ehrenamtliche kennengelernt, die sich sehr für die Verbesserung der Lage in der HTW-Halle einsetzen. Anfangs haben sie Kleidung und Lebensmittel gebracht. Jetzt engagieren sie sich, indem sie Sprachkurse anbieten. Das Wichtigste ist, dass sie Menschen, mit denen sie Freundschaft geschlossen haben, individuell unterstützen. Es muss aber auch gesagt werden, dass die Kapazitäten der Ehrenamtlichen begrenzt sind. Nötig wäre eine andere Politik und finanzielle Unterstützung, und das liegt nicht in ihrer Verantwortung, daran können sie nichts ändern.

Was die Nachbarn im Allgemeinen angeht: Sie haben positiv auf unsere Straßenaktionen reagiert und wir haben auch festgestellt, dass nach solchen Aktionen mehr Leute zu Besuch in das Lager kamen. Es gibt aber keine formalen, stabilen Bündnisse oder gemeinsame politische Organisierung zwischen uns und den Nachbarn oder Ehrenamtlichen.

Habt Ihr vor, Euch über die Halle hinaus zu organisieren und mit anderen Notunterkünften etwas zusammen zu tun? Und: Habt Ihr Kontakt zu Gruppen, die an den Refugee-Kämpfen der letzten Jahre beteiligt waren?

Wir haben andere Notunterkünfte besucht, unter anderem eine große hier in der Nähe, in der Köpenicker Allee. Aber wir haben keine positiven Signale für eine Zusammenarbeit bekommen. Jede Unterkunft ist so sehr damit beschäftigt, die täglichen Notsituationen zu bewältigen. Niemand wollte sich für einen langfristigeren politischen Kampf mit uns zusammenschließen. Vielleicht glaubt niemand, dass das zu greifbaren Ergebnissen führen könnte. Ein allgemeines Problem ist, dass wir sehr wenig über die Berliner Strukturen wissen. Wir haben beispielsweise nichts über die früheren Kämpfe von Geflüchteten erfahren. Unsere einzigen Kontakte bestehen zu den Gruppen und Organisationen, die die Unterkunft besucht haben. Das sind vor allem Initiativen aus Schulen und Jugendzentren, die einen Austausch zwischen Kindern oder Jugendlichen organisieren. Es gab auch eine Delegation von der CDU, die nur einmal zu Besuch gekommen ist. Ich würde sagen, das war eine Art diplomatischer Besuch.

Auch aus einem anderen Grund denken wir nicht über die politische Perspektive einer langfristigen Organisierung nach: Diese Unterkunft sollte etwas Vorübergehendes sein, und das, was als Übergangszeit definiert wurde, dauert schon viel zu lange! Nach mehreren Monaten harter politischer Organisierungsarbeit innerhalb der Unterkunft kann ich auf die Frage, wie sich die Situation weiter verbessern ließe, nur antworten: Die beste Initiative wäre die Schließung der Unterkunft. Es ist so absurd. Die Integrationspolitik ist ein langfristiges Projekt und kostet viel Geld. Das, was jedoch aktuell in diesen Notunterkünften geschieht, ist das genaue Gegenteil: Es handelt sich um eine Politik der Ausgrenzung und Isolation. Tatsächlich fühlen sich die Leute in unserer Unterkunft, als wären sie noch immer in Damaskus, Bagdad oder Aleppo. Weshalb sollten sie sich auch so fühlen, als lebten sie in Berlin? Sie treffen immer noch auf dieselben Menschen wie vorher, nur leben sie viel enger mit ihnen zusammen. Hinzu kommt noch, dass ihr früherer Alltag in Damaskus, Bagdad oder Aleppo, trotz Krieg und Repression, viel freier war als der in einem solchen Lager.

Das Gespräch führte Susanne Schultz. Aus dem Englischen von Max Henninger

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