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	<title>Zeitschrift Luxemburg &#187; 10 Jahre nach Seattle</title>
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		<title>Von Seattle nach Kopenhagen &#8211; Herausforderungen der globalen sozialen Bewegungen</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Jan 2010 14:06:11 +0000</pubDate>
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Seattle, 30.11.1999. Foto: Dang Ngo


  
Von LuXemburg.
Pünktlich zum Jahrestag des berühmten WTO Treffens in Seattle vom 30. November 1999 erhielt die Redaktion ein Manifest von Franco &#8220;Bifo&#8221; Berardi, italienischer Aktivist und Intellektueller seit den frühen siebziger Jahren, mit dem Titel Ten years after Seattle. One strategy, better two, for the movement against war and [...]]]></description>
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<dl id="attachment_294" class="alignright" style="width: 310px;">
<dt><strong><strong><img title="wto" src="/wp-content/uploads/wto1-300x198.jpg" alt="wto" width="300" height="198" /><br />
</strong></strong></dt>
<dd>Seattle, 30.11.1999. Foto: Dang Ngo</dd>
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</div>
<h4><strong> </strong><strong> </strong></h4>
<p>Von LuXemburg.</p>
<p>Pünktlich zum Jahrestag des berühmten WTO Treffens in Seattle vom 30. November 1999 erhielt die Redaktion ein Manifest von Franco &#8220;Bifo&#8221; Berardi, italienischer Aktivist und Intellektueller seit den frühen siebziger Jahren, mit dem Titel <a href="http://www.zeitschrift-luxemburg.de/?p=300"><em>Ten years after Seattle. One strategy, better two, for the movement against war and capitalism</em></a>. ‚Seattle’ überraschte damals mit breiten militanten Protesten gegen das WTO Treffen. Es gelang, ein weiteres Abkommen zu ungunsten des Globalen Südens zu verhindern und die ökonomischen und ökologischen Folgen der neoliberalen Globalisierung zu skandalisieren. ‚Seattle’ symbolisiert seitdem gewissermaßen den kraftvollen Neubeginn der Kämpfe gegen kapitalistische Globalisierung.</p>
<p>Zehn Jahre später, bezieht Berardi radikal Stellung gegen diese Erfolgserzählung. <span id="more-346"></span>Letztlich hätten soziale Bewegungen gegen neoliberalen Kapitalismus, die Zunahme globaler Kriege und die Ausbreitung militanter Fundamentalismen nichts ausrichten können. Berardis düstere Bestandsaufnahme der Erfolglosigkeit sozialer Bewegungen gegen globale Barbarei wie auch seine Schlussfolgerungen lösten in der Redaktion eine heftige Kontroverse aus, wie zehn Jahre nach Seattle die globalen sozialen Bewegungen einzuschätzen sind – ihre Niederlagen, Grenzen, verlorenen Hoffnungen genauso wie neue Entwicklungen, Bündnisse und kleinere und größere Schritte in Richtung Fortschritt in mitten katastrophischer Zeiten. So haben wir Intellektuelle und Aktivist/innen aus verschiedenen Bewegungen und Regionen der Welt gebeten, ausgehend oder auch unabhängig von Berardis Analyse ihre Perspektiven in den Kämpfen um globale Gerechtigkeit wie auch Analysen der globalen sozialen Bewegungen in wenigen Zeilen darzustellen. Die Antworten zeichnen ein vielfältiges Bild von Kämpfen und Kräftekonstellationen, von Bündnisoptionen und neuen strategischen Aufgaben. Teile der dazu in Heft 2/2009 erschienenen Beiträge werden an dieser Stelle sowohl in der deutschen Fassung  als auch englischen ungekürzten Version dokumentiert.</p>
<p><strong><em>Wir wünschen uns, diese Debatte fortzuführen und laden alle Leser/innen dazu ein, auf dieser Seite eigene Texte zu verfassen oder die bisherigen zu kommentieren.</em></strong></p>
<p>Franco ›Bifo‹ Berardi: <a href="http://www.zeitschrift-luxemburg.de/?p=306">Zehn Jahre nach Seattle: Rückzug in sichere Häfen</a></p>
<p><a href="http://www.zeitschrift-luxemburg.de/?p=317">Nicola Bullard: Ein klösterlicher Rückzug ist nicht möglich</a></p>
<p><a href="http://www.zeitschrift-luxemburg.de/?p=441" target="_self">Thomas Seibert: Die Klöster der Militanten</a></p>
<p><a href="http://www.zeitschrift-luxemburg.de/?p=358">Ian Greer: Klöster oder Mobilmachung? Seattle und die Bewegungsfrage</a></p>
<p><a href="http://www.zeitschrift-luxemburg.de/?p=368">Patrick Bond: Von Seattle nach Kopenhagen: Kann Afrika erneut ein schlechtes Abkommen blockieren?</a></p>
<p><a href="http://www.zeitschrift-luxemburg.de/?p=416" target="_self">Ben Trott und Tadzio Müller: Wie institutionalisiert man einen Schwarm?</a></p>
<p><a href="http://www.zeitschrift-luxemburg.de/?cat=19">Ulrich Brand: Gegen-Hegemonie statt Kloster</a></p>
<p><a href="http://www.zeitschrift-luxemburg.de/?cat=19"><img class="size-full wp-image-399 alignleft" title="ENG" src="/wp-content/uploads/flagg.jpg" alt="flagg" width="28" height="15" /> Controversy 10 after Seattle</a></p>
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		<title>Zehn Jahre nach Seattle: Rückzug in sichere Häfen</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Jan 2010 10:34:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>adler</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Wir sehen einer langen Periode mönchhaften Rückzugs entgegen und müssen zugleich mit der Möglichkeit einer plötzlichen Verschiebung der globalen politischen Landschaft rechnen.
Von Franco &#8216;Bifo&#8217; Berardi.
Im November 1999 begann eine politische-ethische Rebellion: der Protest unterschiedlicher Gruppen aus aller Welt gegen die Folgen kapitalistischer Globalisierung, sozialer und ökologischer Zerstörung kristallisierte sich an diesem Ort des WTO-Gipfels. In [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Wir sehen einer langen Periode mönchhaften Rückzugs entgegen und müssen zugleich mit der Möglichkeit einer plötzlichen Verschiebung der globalen politischen Landschaft rechnen.</p></blockquote>
<p>Von Franco &#8216;Bifo&#8217; Berardi.</p>
<p>Im November 1999 begann eine politische-ethische Rebellion: der Protest unterschiedlicher Gruppen aus aller Welt gegen die Folgen kapitalistischer Globalisierung, sozialer und ökologischer Zerstörung kristallisierte sich an diesem Ort des WTO-Gipfels. In den folgenden zwei Jahren entwickelte eine globale Bewegung eine effektive Kritik neoliberaler Politiken und machte Hoffnung auf einen radikalen Wandel. Dann, nach dem G8-Gipfel in Genua, bricht die Erzählung um –  Krieg rückte in den Vordergrund. <span id="more-306"></span>Die Bewegung lies nach, ihre Wirkung reduzierte sich nahezu auf Null. Sie verfehlte es, in den Alltag der Weltgesellschaft auszustrahlen. Sie verfehlte es, einen Prozess der alltäglichen Selbstorganisation der techno-wissenschaftlichen Arbeiter in Gang zu setzen.</p>
<p>Zehn Jahre nach Seattle müssen wir eine neue Strategie der Bewegung  entwickeln. Neoliberale Politik hat die Idee des Öffentlichen zerstört.  Sie hat Produktion, Kommunikation, Sprache und Affekte privatisiert und inwertgesetzt. Konkurrenz hat den Platz der Solidarität eingenommen. Die vorherrschende Form ökonomischer Beziehungen ist kriminell geworden. Krieg begleitet diese kriminelle Mutation der kapitalistischen Produktionsweise. Eine systematische Verwahrlosung der physischen und psychischen Umwelt ist logische Folge dieser Mutation.</p>
<p>Die Wahl von Barack Obama öffnete ein Fenster von Möglichkeiten. Doch die gegenwärtige Situation ist unübersehbar paradox. Die USA hat ihre militärische Vorherrschaft verloren, weil religiöser Fanatismus, Fundamentalismus, Nationalismus und Terror in weiten Teilen der Welt befördert wurden. Definitiv verliert die westliche Hegemonie an Grund. Die Finanzkrise bringt darüber hinaus den Zusammenbruch der finanziellen US-Vorherrschaft mit sich und führt zur Ausbreitung der Krise, produziert Unruhe und Misstrauen auch in den westlichen Gesellschaften.</p>
<p>Zu Zeiten der Präsidentschaft Bill Clintons war es möglich (wenn auch nie überzeugend) von einem amerikanischen Empire zu sprechen. Mit George W. Bush&#8217;s Staatsstreich innerhalb des Empires beginnt die Zeit des &#8216;permanenten&#8217; Krieges. Sofern dies zutreffen sollte, hat der Staatsstreich seine Ziele erreicht. Bush und seine kriegerische Meute haben zwar ihre Kriege verloren (der Irak-Krieg ist ein vollständiger Mißerfolg, Afghanistan eine nicht endende Niederlage und der &#8216;Krieg&#8217; gegen den Iran nicht zu gewinnen). Dennoch gewannen sie ihren Krieg zur Aneignung von Ölprofiten, ihren Krieg gegen den Frieden und Menschheit. Nun, da das Weiße Haus von einem Präsidenten mit genuine demokratischerer Kultur bewohnt wird, fällt das amerikanische Empire auseinander. Chaos ist der einzige Herrscher der Welt.</p>
<p>Was kann in einer solchen Situation getan werden? Es ist keine Hoffnung in Sicht, da die kriminelle Wende des Kapitalismus unumkehrbare Effekte in der Kultur und dem Verhalten der planetarischen Gesellschaft hervorgebracht hat. Ein Drittel der Menschheit ist vom Tode bedroht: Hunger verbreitet sich wie nie zuvor. Die Energiekrise füttert Aggressionen und Inflation. Ein Drittel der Menschheit arbeitet zu Bedingungen, die Sklaverei nahe kommen oder sind gezwungen Prekarisierung und Ausbeutung hinzunehmen. Ein Drittel der Menschheit ist bis an die Zähne bewaffnet, um seinen Lebensstandard gegen ein Heer von Migranten zu verteidigen. Wir sollten uns auf eine lange Phase der Barbarisierung und der Gewalt vorbereiten.</p>
<p>Wir sollten einige sichere Häfen für eine kleine Minderheit der Weltbevölkerung schaffen, die das Erbe einer humanistischen Zivilisation und der Potenzen des General Intellect bewahrt, welche in ernsthafter Gefahr sind. Das bevorstehende Zeitalter ist durchaus zu vergleichen mit dem sog. europäischen Mittelalter. Während Invasoren durch das Land streiften und die Spuren antiker Zivilisationen zerstört wurden, retteten Gruppen von Mönchen die Erinnerung an die Vergangenheit und die Samen einer möglichen Zukunft.</p>
<p>Wir können nicht wissen, ob das anstehende Zeitalter der Barberei Jahrzehnte oder Jahrhunderte währen wird. Noch können wir sagen, ob unsere physische Umwelt die Verwüstungen des kriminellen Kapitalismus überleben wird. Aber wir wissen sicher, wir haben nicht die Waffen den Zerstörern entgegenzutreten. So müssen wir uns selbst und die Möglichkeit einer Zukunft retten. Eine Strategie reicht nicht aus, wenn die Dinge so unvorhersehbar sind wie gegenwärtig. Wir kennen weder die Konsequenzen des Niedergangs amerikanischer Vorherrschaft, noch die Entwicklung und Folgen der Kriege von Pakistan bis Gaza. Wir haben keine Vorstellung von den Folgen der ethnischen Bürgerkriege niedriger Intensität, noch welche Explosionen den krisenbedingten Verwüstungen der politischen Ökonomie der Arbeiter nachfolgen.</p>
<p>Wir sehen einer langen Periode mönchhaften Rückzugs entgegen und müssen zugleich mit der Möglichkeit einer plötzlichen Verschiebung der globalen politischen Landschaft rechnen. Stellen wir uns etwa die Revolte chinesischer Arbeiter gegen den national-kommunistischen Staatskapitalismus vor, die Unfähigkeit des US-Militärs einer neuen Welle des Terrors entgegenzutreten, den Kollaps von Ökosystemen in wesentlichen Teilen der Welt – Szenarios, die absolut realistisch sind. Solche Ereignisse könnten dramatische Veränderungen der politischen Haltungen einer Mehrheit der Weltbevölkerung nach sich ziehen. Auch darauf müssen wir vorbereitet sein, bereit eine solche Wendung zu erklären und aufzugreifen. Und wir sollten lebensbejahende Beispiele einer anderen Lebensweise entwickeln, die nicht auf Konsumismus, Wachstum und Konkurrenz basiert. Eine der wichtigsten Aufgaben ist die Redefinition der Verständnisses von &#8216;gutem Leben&#8217;, Wohlstand und Glück.</p>
<p>Unsere Aufgabe wird sein, Klöster zu errichten, in denen bescheiden, genügsames Wohlergehen gelebt und erprobt wird – eine gelebte Kritik der Naturalisierung der Wachstumsnotwendigkeit. Wir sollten Schritte einer kulturellen Produktion eines neuen Paradigmas gehen, weg vom obsessiven Wachstum, hin zu Genügsamkeit, kultur-intensiver Produktion, Solidarität, der Wertschätzung von Faulheit und Zurückweisung von Konkurrenz. Der Kapitalismus setzt gutes Leben mit Akkumulation gleich, Glück mit Konsumismus und Reichtum mit der Zerstörung von Natur. Wir hingegen sollten Lebensweisen vorleben, in denen gutes Leben Genügsamkeit bedeutet, Glück Großzügigkeit heißt und Reichtum den Genuss von Zeit einschließt.</p>
<p><em>Aus dem Englischen von Mario Candeias</em></p>
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		<title>Die Klöster der Militanten</title>
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		<pubDate>Mon, 18 Jan 2010 12:46:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>adler</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Von Thomas Seibert.
 
Jede/r kennt das: man liest einen Text, stimmt fast jedem Satz zu und weiß trotzdem schon kurz danach nicht mehr, worum es eigentlich ging. Es gibt Autor/innen, deren ganze Produktion aus solchen Texten besteht. Bifo gehört nicht zu ihnen, das zeigt sich auch in Zehn Jahre nach Seattle. Dem widerspricht nicht, dass [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Von Thomas Seibert.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p>Jede/r kennt das: man liest einen Text, stimmt fast jedem Satz zu und weiß trotzdem schon kurz danach nicht mehr, worum es eigentlich ging. Es gibt Autor/innen, deren ganze Produktion aus solchen Texten besteht. Bifo gehört nicht zu ihnen, das zeigt sich auch in <em>Zehn Jahre nach Seattle</em>. Dem widerspricht nicht, dass ich seinen »Punkt« so nicht teile. Nein, unsere Situation lässt sich nicht mit der des europäischen Mittelalters vergleichen. Nein, das Empire versinkt nicht im Chaos – und das, obwohl die Phänomene, die Bifo anführt, wirklich vorliegen. <span id="more-441"></span>Ja, imperiale Herrschaft wird systematisch militarisiert und mafiotisiert. Ja, ihr amerikanisches Nicht-Zentrum verliert an Boden, gibt Kräftekonstellationen Raum, die möglicherweise noch furchtbarer sein werden. Die Erde wird systematisch verwüstet. Im Doppel von Liberalismus und Fundamentalismus, also von Transzendenzverleugnung und Immanenzverachtung, schließt sich der politische Raum schon gegen die Idee von Befreiung. Die kulturindustriell simulierte Öffentlichkeit produziert systematische Konfusion. Vergesellschaftung und Vereinzelung gehen tendenziell in einer klassenspezifisch fragmentierten, aber stets egoistischen Mobilmachung aller gegen alle auf, die schon dort tiefe Wunden schlägt, wo sie (noch) nicht blutig ausgetragen wird. Die ökonomische Krise barbarisiert diese Tendenz. Und doch: Wir sprechen von mächtigen, nicht von unumkehrbaren Tendenzen. Daher mein erster Einwand: Wörtlich genommen, trüge Bifos »Doppelstrategie« selbst zur fortschreitenden Entpolitisierung bei. Was schlägt er vor? Die klösterliche Sezession der »übriggebliebenen« Militanten einerseits, die Öffnung zum unberechenbaren Einbruch des ganz Anderen andererseits. Ist das so falsch, angesichts der gegebenen Lage? Nein, nicht ganz. Es ist auch nicht wirklich neu. Die individuelle und kollektive Absonderung war immer schon Moment der Selbstkonstitution militanter Subjektivität und ist dies auch und gerade im kulturindustriellen Spektakel wie im konkurrenzegoistischen Rattenrennen. Dasselbe bleibt vom Sichbereithalten für eine plötzliche Wende, für ein Ereignis, zu sagen: nicht zufällig ein Fokus neuerer philosophischer Debatten (etwa von Alain Badiou). Beides gehörte schon in der christlichen Sezession zusammen, artikuliert in der apokalyptischen Formel »Das Reich Gottes ist nah.« Die bezieht sich gerade nicht auf eine demnächst eintretende Begebenheit, sondern auf eine Möglichkeit, die ihr Sein und also ihre Wahrheit in ihrem Kommen selbst hat, nicht in einer letztendlichen Ankunft: Allein so war und ist sie der bleibende Bezugspunkt des subjektiven Bruchs mit der Normalität wie der subjektiven Öffnung zum ganz Anderen. Und dennoch: »Zwischen« diesen beiden Grenzoptionen liegt eine breite Palette anderer Optionen – die ganze Alltäglichkeit der politischen Militanz, des profanen Aktivismus. Zu ihr gehören auch die Feineinstellungen der historischen Analyse, also das breite Tableau der Phänomene, die Bifos Szenario systematisch ausblendet, ohne deshalb ganz falsch zu sein. Nur auf diesem Tableau aber bleibt anzugehen, was auch er früher als »Massenlinie« bezeichnet hat: die Suche nach einer organischen Verbindung der Minderheit militanter Intellektueller mit der Masse derer, die potenziell Militante, potenziell Intellektuelle sind. Natürlich geht es dort weniger dramatisch und vor allem uneindeutiger zu als im Neuen Mittelalter; doch liegt hier die eigentliche Probe der Politisierung. Bifos Perspektive ist euro-, wenn nicht italozentrisch und hat ihren Ausgangspunkt im Zerfall der globalisierungskritischen Linken Italiens seit den Massendemonstrationen von Genua (2001) bzw. Florenz (2002). Doch auch wenn die Stagnation, wenn nicht Rückläufigkeit der Bewegungen nicht nur Italien betrifft, ist der daraus resultierende resignative Unterton seiner »Doppelstrategie« politisch fragwürdig. Zum einen, weil Bifo gegenläufige Tendenzen außer Acht lässt: Ich nenne hier nur die verschiedenen hochinteressanten, in sich konfliktiven Konstellationen einer kämpfenden und einer regierenden Linken in Lateinamerika. Zum anderen und vor allem, weil die unterschwellige Resignation nicht an der Idee eines Rückzugs ins Kloster hängt, die an sich eine legitime Antwort auf die Frage »Was tun?« sein könnte. Nein, sie hängt an seinem bestimmten Entwurf, und ihm gilt mein zweiter Einwand. Zu Recht weist Bifo der klösterlichen Absonderung die Aufgabe zu, unter der erstickenden Hegemonie des Doppels von Liberalismus und Fundamentalismus das Erbe eines jahrhundertealten Befreiungswissens zu retten. Auch hier ist der Bezug auf die christliche Sezession treffend: Es waren die mittelalterlichen Klöster, in denen dies schon einmal gelang, nach dem Zusammenbruch des Römischen Imperiums. Doch zentriert Bifo das klösterliche Überlieferungswerk um die Idee des »guten Lebens«. Das aber ist ganz falsch. Nicht, weil ein gutes Leben falsch wäre, sondern weil es sich dabei um eine konkrete inhaltliche Bestimmung unserer Möglichkeiten handelt, noch dazu um eine häufig aus Positionen des Verzichts entworfene. Natürlich gehören solche Bestimmungen zu dem, was in klösterlicher Absonderung und attentistischer Bereitschaft zu bewahren bliebe. Doch wäre vor ihnen erst deren erste Bedingung selbst zu retten. Diese ist aber keine inhaltlich-konkrete (z.B. »Solidarität, Genügsamkeit und Faulheit« ), sondern eine formal-abstrakte: das Faktum, dass wir Wesen sind, die ihr Sein in Möglichkeiten und folglich in der freien Bindung an solche Möglichkeiten haben. So führt der zweite Einwand auf den ersten zurück: Bifos Szenario und die ihm entlehnte »Doppelstrategie« sind zu konkret und in ihrer Konkretion zwar nicht in jeder Hinsicht, doch im Ansatz falsch. Wenn sie trotzdem bedenkenswert sind, dann weil sie eine Abstraktionsleistung provozieren. Die klösterliche Abscheidung, die Aktualisierung historischen Befreiungswissens und die damit erreichte Öffnung zum Ereignis nach Lage der Dinge sind zwar keine zwingenden, aber auch keine abwegigen Möglichkeiten, weil sie wörtlich genommen nur spezifische Variationen einer Wahl sind, die Militante immer schon zu treffen haben. Diese Wahl gilt einem nicht-wörtlichen Verständnis sowohl der Abscheidung wie des Sichbereithaltens, das Bifos Szenario eingeschrieben ist und ganz zweifellos auch heute, gerade heute an der Zeit ist. Wer sie für sich getroffen hat, wird bei der Lektüre seines düsteren Textes befreit auflachen und dem Autor danken, <em>quod erat demonstrandum</em>.</p>
<p><em>Lesenswert die Debatte zwischen Zizek und Negri, in denen ersterer für das venezolanische, letzterer für das brasilianische Experiment streitet – jeder mit guten Gründen. Vgl. Slavoy Zizek, Auf verlorenem Posten, Frankfurt 2009, S. 263ff und Toni Negri, Goodbye Mr. Socialism, Berlin 2009, S. 136ff. </em></p>
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		<title>Wie institutionalisiert man einen Schwarm?</title>
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		<pubDate>Mon, 18 Jan 2010 11:44:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>adler</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Von Ben Trott und Tadzio Müller.
Ereignisse, so der französische Philosoph Alain Badiou, sind Zäsuren, sind Brüche, die ein klares ›Davor‹ und ein klares ›Danach‹ produzieren, wobei das ›Danach‹ nicht innerhalb des Ereignisses vorhergesehen werden kann. ›Seattle‹ war ein solches Ereignis, das den normalen Fluss der Dinge unterbrach: Für viele unerwartet wurde eine anscheinend hegemoniale globale [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Von Ben Trott und Tadzio Müller.</p>
<p>Ereignisse, so der französische Philosoph Alain Badiou, sind Zäsuren, sind Brüche, die ein klares ›Davor‹ und ein klares ›Danach‹ produzieren, wobei das ›Danach‹ nicht innerhalb des Ereignisses vorhergesehen werden kann. ›Seattle‹ war ein solches Ereignis, das den normalen Fluss der Dinge unterbrach: Für viele unerwartet wurde eine anscheinend hegemoniale globale Herrschaftsstruktur unterbrochen und gestört. Verantwortlich dafür zeichnete sich ein neues, vielfältiges, antagonistisches Subjekt: ein Subjekt, das später viele Namen haben sollte, aber doch am besten mit dem französischen Begriff des <em>mouvement altermondialiste </em>beschrieben ist – Bewegung für eine andere Globalisierung. <span id="more-416"></span><strong> </strong></p>
<p><strong>Die Verheißung von Seattle </strong></p>
<p>Die Bedeutung von Seattle lag nicht nur darin, <em>dass </em>dort ein neues soziales Subjekt entstand. Sie gründet auch darin, <em>wie </em>dieses neue Subjekt zusammengesetzt war, sich bewegte und kämpfte. Die Proteste in Seattle verhielten sich wie ein Schwarm: ein anscheinend chaotisches Ensemble, das sich in Echtzeit selbst organisiert; vielfältig, dynamisch und rhizomatisch. Darin liegt auch der überraschende Erfolg des zunächst unwahrscheinlichen Bündnisses von Gewerkschaften und Öko-AktivistInnen, AnarchistInnen und KommunistInnen, Nonnen und Queers. Der Schwarm war ein Hauptmerkmal der frühen globalisierungskritischen Bewegung. 1997 wurde der Begriff benutzt, um die Zusammenarbeit verschiedener sozialer Bewegungen und zivilgesellschaftlicher Organisationen um den zapatistischen Aufstand in Chiapas zu beschreiben. 1998 konnte die erfolgreiche Kampagne gegen das Multilaterale Investitionsschutzabkommen (MAI) über nationalstaatliche, sprachliche und andere Barrieren hinweg mobilisieren, ohne über eine zentralisierte oder zentralisierende Struktur zu verfügen. Die traditionellen Institutionen der Linken spielten zu Beginn der Bewegung nur eine vergleichsweise kleine Rolle. Die Verheißung von Seattle lag in der heterogenen Zusammensetzung der Bewegung und ihrer Fähigkeit, über verschiedene Arten von Grenzen hinweg zu kommunizieren und zu koordinieren. Waren Strategie und Taktik der Bewegung von der Idee des Schwarms gekennzeichnet, so hatte dies nur begrenzt mit einem starken politischen Bekenntnis zur Unabhängigkeit von Institutionen zu tun. Der Antiinstitutionalismus war vor allem Resultat der Hegemonie des Neoliberalismus. Um die Jahrhundertwende hatte dieser viele ›progressive‹ Kräfte effektiv kolonisiert: Zahlreiche sozialdemokratische Parteien, Gewerkschaften und Entwicklungs-NGOs hatten das Dogma der Alternativlosigkeit zum herrschenden System akzeptiert. Innerhalb dieser Institutionen bestanden deshalb nur wenige Möglichkeiten zur produktiven Auseinandersetzung für eine Bewegung, die lautstark verkündete, dass andere Welten wirklich möglich seien. <strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Die Verheißung der Gegenwart </strong></p>
<p>Die Welt der Gegenwart ist eine andere. Der Neoliberalismus steckt in einer tiefen ideologischen und materiellen Krise, es haben sich auch real-existierende Alternativen herausgebildet. So bricht der Linksruck in Lateinamerika mit den Politiken des neoliberalen <em>Washington Consensus</em>, und die globalisierungskritischen Bewegungen selbst stellen die Frage, wie ein Schwarm institutionalisiert werden kann. Wie kann den vielfältigen Kämpfen der Bewegung eine permanente(re) Form gegeben werden? Wie kann Gegenmacht entstehen, ohne das zu opfern, was durch »Antimacht« erkämpft wurde? Wie basteln wir eine Multitude, ein »heterogenes soziales Subjekt, das zu politischer Aktion fähig ist« (Hardt und Virno)? Die ambitioniertesten Antworten auf diese Frage waren wohl die <em>Caracoles </em>und <em>Juntas de Buen Gobierno </em>der zapatistischen Bewegung, sowie das Weltsozialforum und dessen subglobale Manifestationen. Darüber hinaus findet sich heutzutage in den globalen Bewegungen eine größere Offenheit gegenüber Beziehungen zwischen Bewegungen und Institutionen (einschließlich politischer Parteien in Opposition und Regierung), die komplexer sind als bloße gegenseitige Äußerlichkeit. Natürlich sind die Beziehungen zwischen beispielsweise dem Movimento Sem Terra und Lulas PT in Brasilien, zwischen (post-)autonomen sozialen Bewegungen und der Partei Die Linke oder zwischen radikalen Gewerkschafts- und AntikriegsaktivistInnen in den USA und der Obama-Regierung äußerst unterschiedlich. Sie haben aber etwas gemeinsam: auf der Seite der ›konstituierten‹ Macht ein Eingeständnis, dass dem durch repräsentative Politik allein zu erreichenden Wandel Grenzen gesetzt sind; auf der Seite der Bewegungen die Einsicht, dass mit totaler Indifferenz gegenüber ›offiziellen‹ Politikformen nur wenig erreicht werden kann. Die die Rolle der Bewegungen wird darin gesehen, das ›konstituierende‹ Moment so lange wie möglich offen zu halten – als Praxis von Zerstörung und Schöpfung, als produktive, dynamische und im Prinzip unbegrenzte Kraft, die neue Logiken und Gesetze für unser Zusammenleben schafft. Die globalisierungskritische Bewegung hat immer mit radikalen Formen der Demokratie experimentiert. Heute geht dieser Prozess mit dem Versuch der Schaffung offener, manchmal vergänglicher Institutionen einen Schritt weiter. Der Erfolg dieses Experiments hängt auch davon ab, dass ein neues Verhältnis zu ›konstituierten‹ Formen institutioneller Macht gefunden wird. Ein derartiges Verhältnis könnte auf der Strategie von <em>Richtungsforderungen </em>basieren, also auf Forderungen, die kollektive menschliche Bedürfnisse und Begehren vermitteln und aus konstituierenden Prozessen entspringen. Beispiele solcher Forderungen sind die nach einem allgemeinen Grundeinkommen, unabhängig von der Notwendigkeit, die (eigene) Arbeitskraft verkaufen zu müssen, nach globalen BürgerInnenrechten oder nach Klimagerechtigkeit. Jede dieser Forderungen würde, sofern erkämpft, die Verheißung einer anderen Welt näher bringen. Natürlich hat niemand ein Monopol darauf, diese Forderungen zu formulieren oder zu bestimmen, was ihr Inhalt ist oder wie sie artikuliert werden. Vielleicht werden die Institutionen des Schwarms genau darin begründet werden: nicht in der Symphonie, sondern der Kakophonie der vielfältigen Artikulationen von Richtungsforderungen.</p>
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		<title>Gegen-Hegemonie statt Kloster</title>
		<link>http://www.zeitschrift-luxemburg.de/?p=374</link>
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		<pubDate>Fri, 15 Jan 2010 11:44:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>adler</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Transformation]]></category>

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		<description><![CDATA[In der aktuellen Krise ist eine plausible und praktisch auszuprobierende Wachstumskritik ein Feld, auf dem eine emanzipatorische, sozial-ökologische Fragen ernst nehmende Linke etwas bewegen kann.
Von Ulrich Brand.
Ich teile Bifo Berardis Annahme, dass wir einen globalen Kriegszustand haben und die emanzipatorischen globalen sozialen Bewegungen &#8211; den weltweiten Anti-Kriegsdemonstrationen am 15. Februar 2003 zum Trotz &#8211; wenig [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>In der aktuellen Krise ist eine plausible und praktisch auszuprobierende Wachstumskritik ein Feld, auf dem eine emanzipatorische, sozial-ökologische Fragen ernst nehmende Linke etwas bewegen kann.</p></blockquote>
<p>Von Ulrich Brand.<span id="more-374"></span></p>
<p>Ich teile Bifo Berardis Annahme, dass wir einen globalen Kriegszustand haben und die emanzipatorischen globalen sozialen Bewegungen &#8211; den weltweiten Anti-Kriegsdemonstrationen am 15. Februar 2003 zum Trotz &#8211; wenig ausrichten können. Ich teile auch die Diagnose, dass die Bewegungen in Westeuropa hinsichtlich alternativer Formen der Vergesellschaftung wenig erreicht haben und, das zeigen die aktuellen Krisenpolitiken, ihnen kaum ein Eingriff in die neoliberalen Kräfteverhältnisse gelingt. Sehen wir uns allerdings die Entwicklungen in Lateinamerika an, trifft dies nicht zu. Anders als Berardi halte ich den Kriegszustand nicht in allen Gesellschaften für dominant. Emanzipatorische Politik in Bagdad, La Paz oder Wien vorantreiben zu wollen, unterliegt unterschiedlichen Bedingungen.</p>
<p>Zeitgenössische Herrschaft und ihre Brutalisierung sind vielfältig und deswegen schwer angreifbar: Sie reicht von Subjektivierung und damit einhergehenden anti-emanzipatorischen Bedürfnissen, über katastrophische Krisendiskurse (etwa in der Klimapolitik) und sich damit vermeintlich aufdrängende autoritäre „Sicherheits“ -Politiken. Sie reicht vom stummen Zwang flexibilisierter Lohnarbeit, hin zum offenen Zwang von Hartz IV; von Politiken in der Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise, die Interessen der Eliten sichern über die krisenbedingte Infragestellung hegemonialer Geschlechterverhältnisse, die viele „Nicht-Mehr-Ernährer“ aggressiv macht, bis hin zu offenen Kriegen und die Verrohung der Gesellschaften – frustrierend zu erleben etwa in Mexico.<br />
Das haben, trotz und wegen der sehr unterschiedlichen Erfahrungskontexte und politischen Herangehensweisen, die globalen sozialen Bewegungen erkannt – Bifo Berardi nicht. Analysen, die unter Bewegungen lediglich die sichtbaren Proteste als Ausdruck gesellschaftlicher Selbstorganisation verstehen, greifen zu kurz. (Bei Berardi gar reduziert auf die „Selbstorganisation technisch-wissenschaftlicher Arbeit“ , womit dann die Kämpfe chinesischer WanderarbeiterInnen, lateinamerikanischer Indigener oder europäischer SozialhilfeempfängerInnen als nicht auf der Höhe der Weltgesellschaft abgewertet werden. Hardt und Negri haben dafür in „Empire“ die Vorlage geliefert.</p>
<p>Demgegenüber haben die globalen sozialen Bewegungen wichtiges gelernt: Nicht nur transnationale Aktionen wie in Seattle, Genua, Heiligendamm oder das Europäische und Weltsozialforum machen die Dynamik von Bewegung aus. Sie sind vielmehr Ausdruck von Gärungsprozessen und innenpolitischen Dynamiken. Seattle war ein Fixpunkt der nordamerikanischen Gewerkschaften gegen 20 Jahre neoliberale Politik, Genua ein massiver Protest gegen Berlusconi, Heiligendamm ein Ausdruck davon, dass sich in Deutschland mit Ausnahme der Linkspartei das politisch-institutionelle System abgeschottet hat. Wichtiger aber ist, dass Gesellschaften in vielen Bereichen und entlang diverser Konfliktlinien emanzipatorisch verändert werden.</p>
<p>Die Metapher vom Rückzug in Klöster – als befreite und vor der Brutalität der Welt geschützte Räume – ist irreführend, weil Zerstörung und die gewaltförmige Veränderung von Herrschaft im Gegensatz zum Mittelalter eben nicht nur territorial stattfindet. Die Verfügung über Territorien war im Mittelalter und der beginnenden Neuzeit die zentrale Quelle von Herrschaft. Im imperialen Kapitalismus ist sie nur eine Quelle neben anderen, um Hegemonie zu sichern. Sicher liegt im Irakkrieg auch das Interesse, strategische Räume der globalen Ölversorgung zu kontrollieren. Aber geopolitische Akkumulation ersetzt nicht die Dynamik der erweiterten Reproduktion des Kapitals, die vielfältigen Formen ursprünglicher Akkumulation und viele andere Herrschaftsverhältnisse.</p>
<p>Dies betrifft auch die Frage gegenhegemonialer Praxen. Es ist etwas dran an der Kloster-Metapher: Rebellische Subjektivität entsteht teilweise außerhalb von Institutionen, aber nicht nur. Wesentlich entsteht sie in Kämpfen, aus Erfahrungen und auch in und durch Erfolge. An Erfahrungen mangelt es in den letzten Jahren nicht, in Westeuropa wohl aber an Erfolgen, an relevanten Eingriffen in die Zumutungen der politisch-institutionellen, sozio-ökonomischen wie kulturellen Strukturen und Prozesse.</p>
<p>Wenn sich Herrschaft in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts renoviert hat, dann in den nordwestlichen Gesellschaften weniger weil sie aufgrund von Kämpfen in Frage gestellt wurde, sondern da der neoliberal-imperiale Kapitalismus die damit verbundenen Widersprüche nicht bearbeiten kann. Das haben die Berater von Bush und anderen Eliten um 2001 geahnt (Stichwort: Enron-Krise) und 9/11 war ein Möglichkeitsfenster der konservativen Kräfte, unter Bedrohungsszenarien die gesellschaftlichen Verhältnisse versicherheitlichen zu wollen – mit offenen oder subtilen Formen der Gewalt. Das findet – und das ist eines unserer politischen Hauptprobleme &#8211; in den nordwestlichen Gesellschaften breite Zustimmung.</p>
<p>Berardi artikuliert hier zudem einen patriarchalen Typus von Politik, der für viele eher abschreckend wirkt. Zentral gesetzt ist eine bestimmte Form der Militanz, die andere emanzipatorische oder sich im Prozess als solche herausbildende Praxen abwertet. Jene kleinteiligen Verschiebungen in Alltagsverhältnissen; jene auf Veränderung institutioneller Praxen abzielende Politiken in Betrieben, Schulen, Hochschulen, Gewerkschaften, staatlichen Einrichtungen, Medien (die oft genug defensiv sind, um Verschlechterungen abzuwehren).</p>
<p>Ich schreibe diesen Text in Tagen, in denen Studierende in Österreich eine Bewegung initiiert haben, mit der gegen neoliberale Hochschulpolitik und ihren Implikationen von Sparhaushalten und permanenter Konkurrenz, aber auch für andere Bildungsinhalte und eine Demokratisierung der Hochschulen protestiert wird. „Brrrr“, würde Bifo Berardi schaudernd vor solch fürchterlichem Reformismus zurückweichen. Es wäre zu prüfen, ob diese Position auch zur dramatischen Schwächung der Linken in Italien beigetragen hat. So bleibt er einer Haltung verfangen, die Foucault als revolutionäre Eschatologie bezeichnete und die mit einer aus Frustration geborenen Note versehen wird. Der Militante empfiehlt das Wohlsein und Experimentieren im Kloster. Er darf an den sicheren Platz.</p>
<p>Mit der Bezugnahme auf den globalen Krieg weicht er zudem der Frage aus, wie sich denn in der Krise der neoliberal-imperialen Globalisierung die Kräftekonstellationen und dominanten Orientierungen verändern. Die Kritik an der Naturalisierung des Wachstumsparadigmas, praktische Solidarität und die Zurückweisung von Konkurrenz – um Punkte von Berardi aufzugreifen – entstehen gerade nicht in Abgeschiedenheit. In der aktuellen Krise aber ist eine plausible und praktisch auszuprobierende Wachstumskritik ein Feld, auf dem eine emanzipatorische, sozial-ökologische Fragen ernst nehmende Linke etwas bewegen kann. Viele Menschen sind angewidert vom Konkurrenzimperativ, ohne dass sie dem voluntaristisch entkommen können – aber über Auseinandersetzungen, Lernprozesse und praktische Alternativen vielleicht doch. Das ist jedoch eine Frage von Praxis und Reflexion in den Niederungen gesellschaftlicher Realität.</p>
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<p class="Standa2" style="margin-bottom: 6pt; line-height: 150%;"><strong><span style="font-family: &quot;Linotype Univers 330 Light&quot;,&quot;sans-serif&quot;;">Ulrich Brand</span></strong></p>
<p class="Standa2" style="margin-bottom: 6pt; line-height: 150%;"><strong><span style="font-family: &quot;Linotype Univers 330 Light&quot;,&quot;sans-serif&quot;;">Gegen-Hegemonie statt Kloster</span></strong><span style="font-family: &quot;Linotype Univers 330 Light&quot;,&quot;sans-serif&quot;;"> </span></p>
<p class="Standa2" style="margin-bottom: 6pt; line-height: 150%;"><span style="font-family: &quot;Linotype Univers 330 Light&quot;,&quot;sans-serif&quot;;">Ich teile Bifo Berardis Annahme, dass wir einen globalen Kriegszustand haben und die emanzipatorischen globalen sozialen Bewegungen &#8211; den weltweiten Anti-Kriegsdemonstrationen am 15. Februar 2003 zum Trotz &#8211; wenig ausrichten können. Ich teile auch die Diagnose, dass die Bewegungen in Westeuropa hinsichtlich alternativer Formen der Vergesellschaftung wenig erreicht haben und, das zeigen die aktuellen Krisenpolitiken, ihnen kaum ein Eingriff in die neoliberalen Kräfteverhältnisse gelingt. Sehen wir uns allerdings die Entwicklungen in Lateinamerika an, trifft dies nicht zu. Anders als Berardi halte ich den Kriegszustand nicht in allen Gesellschaften für dominant. Emanzipatorische Politik in Bagdad, La Paz oder Wien vorantreiben zu wollen, unterliegt unterschiedlichen Bedingungen.</span></p>
<p class="Standa2" style="margin-bottom: 6pt; line-height: 150%;"><span style="font-family: &quot;Linotype Univers 330 Light&quot;,&quot;sans-serif&quot;;">Zeitgenössische Herrschaft und ihre Brutalisierung sind vielfältig und deswegen schwer angreifbar: Sie reicht von Subjektivierung und damit einhergehenden anti-emanzipatorischen Bedürfnissen, über katastrophische Krisendiskurse (etwa in der Klimapolitik) und sich damit vermeintlich aufdrängende autoritäre „Sicherheits“ -Politiken. Sie reicht vom stummen Zwang flexibilisierter Lohnarbeit, hin zum offenen Zwang von Hartz IV; von Politiken in der Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise, die Interessen der Eliten sichern über die krisenbedingte Infragestellung hegemonialer Geschlechterverhältnisse, die viele „Nicht-Mehr-Ernährer“ aggressiv macht, bis hin zu offenen Kriegen und die Verrohung der Gesellschaften – frustrierend zu erleben etwa in Mexico.<br />
Das haben, trotz und wegen der sehr unterschiedlichen Erfahrungskontexte und politischen Herangehensweisen, die globalen sozialen Bewegungen erkannt – Bifo Berardi nicht. Analysen, die unter Bewegungen lediglich die sichtbaren Proteste als Ausdruck gesellschaftlicher Selbstorganisation verstehen, greifen zu kurz. (Bei Berardi gar reduziert auf die „Selbstorganisation technisch-wissenschaftlicher Arbeit“ , womit dann die Kämpfe chinesischer WanderarbeiterInnen, lateinamerikanischer Indigener oder europäischer SozialhilfeempfängerInnen als nicht auf der Höhe der Weltgesellschaft abgewertet werden. Hardt und Negri haben dafür in „Empire“ die Vorlage geliefert.</span></p>
<p class="Standa2" style="margin-bottom: 6pt; line-height: 150%;"><span style="font-family: &quot;Linotype Univers 330 Light&quot;,&quot;sans-serif&quot;;">Demgegenüber haben die globalen sozialen Bewegungen wichtiges gelernt: Nicht nur transnationale Aktionen wie in Seattle, Genua, Heiligendamm oder das Europäische und Weltsozialforum machen die Dynamik von Bewegung aus. Sie sind vielmehr Ausdruck von Gärungsprozessen und innenpolitischen Dynamiken. Seattle war ein Fixpunkt der nordamerikanischen Gewerkschaften gegen 20 Jahre neoliberale Politik, Genua ein massiver Protest gegen Berlusconi, Heiligendamm ein Ausdruck davon, dass sich in Deutschland mit Ausnahme der Linkspartei das politisch-institutionelle System abgeschottet hat. Wichtiger aber ist, dass Gesellschaften in vielen Bereichen und entlang diverser Konfliktlinien emanzipatorisch verändert werden.</span></p>
<p class="Standa2" style="margin-bottom: 6pt; line-height: 150%;"><span style="font-family: &quot;Linotype Univers 330 Light&quot;,&quot;sans-serif&quot;;">Die Metapher vom Rückzug in Klöster – als befreite und vor der Brutalität der Welt geschützte Räume – ist irreführend, weil Zerstörung und die gewaltförmige Veränderung von Herrschaft im Gegensatz zum Mittelalter eben nicht nur territorial stattfindet. Die Verfügung über Territorien war im Mittelalter und der beginnenden Neuzeit die zentrale Quelle von Herrschaft. Im imperialen Kapitalismus ist sie nur eine Quelle neben anderen, um Hegemonie zu sichern. Sicher liegt im Irakkrieg auch das Interesse, strategische Räume der globalen Ölversorgung zu kontrollieren. Aber geopolitische Akkumulation ersetzt nicht die Dynamik der erweiterten Reproduktion des Kapitals, die vielfältigen Formen ursprünglicher Akkumulation und viele andere Herrschaftsverhältnisse.</span></p>
<p class="Standa2" style="margin-bottom: 6pt; line-height: 150%;"><span style="font-family: &quot;Linotype Univers 330 Light&quot;,&quot;sans-serif&quot;;">Dies betrifft auch die Frage gegenhegemonialer Praxen. Es ist etwas dran an der Kloster-Metapher: Rebellische Subjektivität entsteht teilweise außerhalb von Institutionen, aber nicht nur. Wesentlich entsteht sie in Kämpfen, aus Erfahrungen und auch in und durch Erfolge. An Erfahrungen mangelt es in den letzten Jahren nicht, in Westeuropa wohl aber an Erfolgen, an relevanten Eingriffen in die Zumutungen der politisch-institutionellen, sozio-ökonomischen wie kulturellen Strukturen und Prozesse. </span></p>
<p class="Standa2" style="margin-bottom: 6pt; line-height: 150%;"><span style="font-family: &quot;Linotype Univers 330 Light&quot;,&quot;sans-serif&quot;;">Wenn sich Herrschaft in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts renoviert hat, dann in den nordwestlichen Gesellschaften weniger weil sie aufgrund von Kämpfen in Frage gestellt wurde, sondern da der neoliberal-imperiale Kapitalismus die damit verbundenen Widersprüche nicht bearbeiten kann. Das haben die Berater von Bush und anderen Eliten um 2001 geahnt (Stichwort: Enron-Krise) und 9/11 war ein Möglichkeitsfenster der konservativen Kräfte, unter Bedrohungsszenarien die gesellschaftlichen Verhältnisse versicherheitlichen zu wollen – mit offenen oder subtilen Formen der Gewalt. Das findet – und das ist eines unserer politischen Hauptprobleme &#8211; in den nordwestlichen Gesellschaften breite Zustimmung.</span></p>
<p class="Standa2" style="margin-bottom: 6pt; line-height: 150%;"><span style="font-family: &quot;Linotype Univers 330 Light&quot;,&quot;sans-serif&quot;;">Berardi artikuliert hier zudem einen patriarchalen Typus von Politik, der für viele eher abschreckend wirkt. Zentral gesetzt ist eine bestimmte Form der Militanz, die andere emanzipatorische oder sich im Prozess als solche herausbildende Praxen abwertet. Jene kleinteiligen Verschiebungen in Alltagsverhältnissen; jene auf Veränderung institutioneller Praxen abzielende Politiken in Betrieben, Schulen, Hochschulen, Gewerkschaften, staatlichen Einrichtungen, Medien (die oft genug defensiv sind, um Verschlechterungen abzuwehren). </span></p>
<p class="Standa2" style="margin-bottom: 6pt; line-height: 150%;"><span style="font-family: &quot;Linotype Univers 330 Light&quot;,&quot;sans-serif&quot;;">Ich schreibe diesen Text in Tagen, in denen Studierende in Österreich eine Bewegung initiiert haben, mit der gegen neoliberale Hochschulpolitik und ihren Implikationen von Sparhaushalten und permanenter Konkurrenz, aber auch für andere Bildungsinhalte und eine Demokratisierung der Hochschulen protestiert wird. „Brrrr“, würde Bifo Berardi schaudernd vor solch fürchterlichem Reformismus zurückweichen. Es wäre zu prüfen, ob diese Position auch zur dramatischen Schwächung der Linken in Italien beigetragen hat. So bleibt er einer Haltung verfangen, die Foucault als revolutionäre Eschatologie bezeichnete und die mit einer aus Frustration geborenen Note versehen wird. Der Militante empfiehlt das Wohlsein und Experimentieren im Kloster. Er darf an den sicheren Platz.</span></p>
<p class="Standa2" style="margin-bottom: 6pt; line-height: 150%;"><span style="font-family: &quot;Linotype Univers 330 Light&quot;,&quot;sans-serif&quot;;">Mit der Bezugnahme auf den globalen Krieg weicht er zudem der Frage aus, wie sich denn in der Krise der neoliberal-imperialen Globalisierung die Kräftekonstellationen und dominanten Orientierungen verändern. Die Kritik an der Naturalisierung des Wachstumsparadigmas, praktische Solidarität und die Zurückweisung von Konkurrenz – um Punkte von Berardi aufzugreifen – entstehen gerade nicht in Abgeschiedenheit. In der aktuellen Krise aber ist eine plausible und praktisch auszuprobierende Wachstumskritik ein Feld, auf dem eine emanzipatorische, sozial-ökologische Fragen ernst nehmende Linke etwas bewegen kann. Viele Menschen sind angewidert vom Konkurrenzimperativ, ohne dass sie dem voluntaristisch entkommen können – aber über Auseinandersetzungen, Lernprozesse und praktische Alternativen vielleicht doch. Das ist jedoch eine Frage von Praxis und Reflexion in den Niederungen gesellschaftlicher Realität.</span></p>
</div>
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		<title>Von Seattle nach Kopenhagen: Wird Afrika erneut ein schlechtes Abkommen blockieren können?</title>
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		<pubDate>Fri, 15 Jan 2010 11:36:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>adler</dc:creator>
				<category><![CDATA[10 Jahre nach Seattle]]></category>
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		<description><![CDATA[Das ist der zentrale Punkt, den wir aus Seattle lernen sollten: Verhandlungen zu verlassen – zusammen mit Gruppen der Zivilgesellschaft – und damit schlechte Abkommen zu verhindern.
Von Patrick Bond.
 
 
Zwei wichtige Dinge sollten Regierungschefs wie auch Aktivisten und Aktivistinnen afrikanischer Zivilgesellschaften aus den zehn Jahren seit Seattle gelernt haben: Wenn sie zusammenarbeiten können sie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Das ist der zentrale Punkt, den wir aus Seattle lernen sollten: Verhandlungen zu verlassen – zusammen mit Gruppen der Zivilgesellschaft – und damit schlechte Abkommen zu verhindern.</p></blockquote>
<p>Von Patrick Bond.<span id="more-368"></span></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p>Zwei wichtige Dinge sollten Regierungschefs wie auch Aktivisten und Aktivistinnen afrikanischer Zivilgesellschaften aus den zehn Jahren seit Seattle gelernt haben: Wenn sie zusammenarbeiten können sie das System der <em>Global Governance</em> zu sprengen, ihm wesentliche Zugeständnisse abringen. Einem System das auf die kurzfristigen Interessen des Globalen Nordens aus- und gegen die langfristigen (Überlebens-) Interessen des Globalen Südens gerichtet ist.</p>
<p>Die meisten von uns verbinden mit Seattle den spektakulären Protest vom 30. November 1999 gegen das WTO-Treffen, weniger die Auseinandersetzungen bei den Verhandlungen selbst. Dort warnten afrikanische Regierungsvertreter vor den zerstörerischen Folgen der geplanten Handelsliberalisierung für ihre landeseigenen Ökonomien. Sogar die OECD sah den afrikanischen Kontinent als Verlierer eines liberalisierten und von Global Players dominierten Handels.</p>
<p>Die WTO-Vertreterin der USA, Charlene Barchefsky, reagierte auf diese Kritik nur mit Beleidigungen. Mit Ausnahme Südafrikas, das Teil der exklusiven <em>Green Room</em>-Verhandlungen war, waren die Delegationen der Organisation Afrikanischer Staaten (heute Afrikanische Union) wutentbrannt. Deren stellvertretender Direktor, V.J. McKeen brichtete: „Man wurde zum Abendessen gefahren, dann dort stehen gelassen und musste nach Hause laufen. Im Verhandlungsraum der afrikanischen Delegationen stand keinerlei Übersetzung zur Verfügung; zumindest Englisch und Französisch hätte es doch geben müssen. Also mussten wir improvisieren. Schließlich sind sogar die Mikrophone ausgeschaltet worden.“</p>
<p>Tetteh Hormeku vom <em>African Trade Network</em> – ein Netzwerk progressiver zivilgesellschaftlicher Gruppen – ergänzt: „Am zweiten Tag der offiziellen Verhandlungen waren die Delegierten der afrikanischen und anderer Entwicklungsländer total an den Rand gedrängt. Das war Resultat von intransparenten – wenn nicht – illegalen Methoden, die die mächtigen Länder – unterstützt vom Gastgeber und dem WTO-Sekretariat – für sich entwickelt hatten.“ Und weiter: „Die afrikanischen Länder konnten ihre Positionen und Themen gar nicht auf den Tisch bringen, denn dieser war aus dem Verhandlungsraum der Arbeitsgruppen verschoben worden, hin zu exklusiven <em>Green Room</em>- Diskussionen, zu denen sie keinen Zugang hatten.“</p>
<p>Mitglieder des <em>African Trade Networks</em>, so Hormeku, forderten die NGO aus dem Norden auf, „diese empörenden Methoden ihrer Regierungen zu skandalisieren. Eine erste gemeinsame Pressekonferenz vom <em>African Trade Network</em> mit <em>Friends of the Earth</em>,<em> Oxfam</em>,<em> dem World Development Movement</em>,<em> Focus</em> u.a.m. war das Ergebnis. […] Verhandlungsführer von Entwicklungsländern wie Sir Sonny Ramphal taten sich mit Vertreter/innen von NGO zusammen, um diese machtvollen Manipulationen im WTO-Prozess anzuprangern. Immer weitere Vertreter/innen afrikanischer Länder und Organisationen schlossen sich an.“ Der für den Abschluss des Treffens notwendige Konsens drohte sich in Luft aufzulösen. Die „rauen Taktiken“ der USA waren vergebens gewesen.</p>
<p>Beim nächsten WTO-Gipfel 2001in Doha konnten größere Zugeständnisse erreicht werden. Afrikanische Eliten zogen dort erneut mit Aktivisten und Aktivistinnen an einem Strang. In diesem Fall erreichten sie, dass das WTO-Übereinkommen um handelsbezogene Aspekte der Rechte am geistigen Eigentum ergänzt wurde. Es war nunmehr erlaubt, Generika in medizinischen Notfällen wie AIDS zu verwenden. Hintergrund dieses Erfolgs waren die unnachgiebigen Aktivitäten der (süd-) afrikanischen Gruppen im Kampf gegen AIDS. Bereits 1997hatte der <em>Medicines Act</em> in Südafrika die Herstellung von Generika möglich gemacht (eine äußerst wichtige Frage in einem Land, in dem ca. 10 Prozent HIV positiv sind). Sofort schaltete sich das US State Department ein und drohte Südafrika mit Gerichtsverfahren. „Geistige Eigentumsrechte“ sollten geschützt werden, um das Auftauchen einer weitaus günstigeren Versorgung mit AIDS Medikamenten zu verhindern. Proteste des US-amerikanischen AIDS-Bündnisses ACT UP, ein Verbündeter der Treatment Action Campaign aus Südafrika (TAC), machte in den USA Druck. Die Konzessionen in Doha stellten einen großen Sieg für Afrika dar. Endlich war eine Logik überwunden, die Afrikanerinnen und Afrikanern lebensrettende Medikamente vorenthielt.</p>
<p>2003, als ein weiteres WTO-Abkommen mit fürchterlichen Folgen für Afrika in Cancún verhandelt wurde, und 30000 Menschen vor dem Verhandlungsraum protestierten, verweigerten afrikanische Regierungen erneut US-amerikanischen und europäischen Plänen für weitere Handelsliberalisierungen ihre Zustimmung.</p>
<p>Dies zeigt, was notwendig ist, um den drei Herausforderungen in den UN-Klimaverhandlungen begegnen zu können: Der Globale Norden muss seine Co<sub>2</sub>-Emissionen bis 2020 massiv zurückfahren. Dafür darf er nicht auf den freien Markt für Emissionshandel zurückgreifen; und ökologische Schulden sind an die Opfer des Klimawandels zurückzuzahlen. Die derzeitige Situation erlaubt es nicht, lediglich einzelne Fragen zu lösen, geschweige denn Rückschläge in allen drei Bereichen hinzunehmen. Afrika ist der Kontinent, der vom Klimawandel am schlimmsten betroffen ist. So befürchtet R.K. Pachauri, Direktor des <em>Intergovernmental Panel on Climate</em> der UNO, „dass der Nettoertrag landwirtschaftlicher Produkte bis 2100 um 90 Prozent zurückgehen wird“. Die ökologischen Schulden des Nordens alleine gegenüber Afrika werden sich um 2020 auf schätzungsweise auf 67 Milliarden Dollar pro Jahr belaufen. Im September drohte der äthiopische Premier Meles Zenawi: „Wir sind darauf vorbereitet, wieder die Verhandlungsrunde zu verlassen, wenn eine weitere Vergewaltigung unseres Kontinents droht.“</p>
<p>Das ist der zentrale Punkt, den wir aus Seattle lernen sollten: Verhandlungen zu verlassen – zusammen mit Gruppen der Zivilgesellschaft – und damit schlechte Abkommen zu verhindern. Das kann in Kopenhagen den Weg für einen anschließenden Fortschritt ebnen, sobald unsere Kräfte sich neu aufgestellt haben.</p>
<p><em>Aus dem Englischen von Corinna Genschel</em></p>
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		<title>Klöster oder Mobilmachung? Seattle und die Bewegungsfrage</title>
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		<pubDate>Fri, 15 Jan 2010 11:02:20 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[10 Jahre nach Seattle]]></category>
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		<description><![CDATA[Während selbstverständlich Verbündete nicht immer einer Meinung sind, zeigt die Geschichte von Seattle, dass Koalitionen zwischen Leuten, die auf jede Weise anders gesinnt sind, sich dennoch als sehr produktiv erweisen können. Diese neuen Konzepte, die soziale und ökologische Ziele miteinander verbinden, können sich jedoch nicht getrennt von der wirklichen Politik entwickeln.
Von Ian Greer.
 
Am 30. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Während selbstverständlich Verbündete nicht immer einer Meinung sind, zeigt die Geschichte von Seattle, dass Koalitionen zwischen Leuten, die auf jede Weise anders gesinnt sind, sich dennoch als sehr produktiv erweisen können. Diese neuen Konzepte, die soziale und ökologische Ziele miteinander verbinden, können sich jedoch nicht getrennt von der wirklichen Politik entwickeln.</p></blockquote>
<p>Von Ian Greer.<span id="more-358"></span></p>
<p><strong> </strong></p>
<p>Am 30. November 1999 füllten gut 50000 Protestierende die Straßen der Innenstadt von Seattle, um gegen das WTO-Treffen zu protestieren. Mindestens die Hälfte von ihnen waren Gewerkschafter aus westlichen Bundesstaaten der Vereinigten Staaten und Kanada, die gegen Freihandel und damit verbundene Bedrohung von Arbeitsplätzen und den Abbau von Rechten der Beschäftigten protestierten. Ebenso protestierten Vertreter hunderter NGOs aus aller Welt, tausende lokale Umweltaktivisten, Feministinnen, Anarchisten, Sozialisten, Studierende, Akademiker und Aktivisten verschiedener ethnischer und religiöser Zugehörigkeit. „Seattle&#8217; wurde zur Ikone. Es inspirierte mehrere große Demonstrationen gegen die konzerngetriebene Globalisierung der Welt.</p>
<p>Zehn Jahre danach fragt Bifo Berardi nach den Auswirkungen von „Seattle“. Neoliberale Politik habe jedes einzelne Element von Produktion, Kommunikation, Sprache und Zuneigung privatisiert. Konkurrenzkampf habe Solidarität abgelöst.</p>
<p>Bifo schlägt neue Klöster vor, aus denen ein „neues Paradigma“ hervorgehen könne, das auf „Genügsamkeit, kultur-intensiver Produktion, Solidarität, der Wertschätzung von Faulheit und Zurückweisung von Konkurrenz“ basiere. Bewohner dieser hybriden Hippie-Kommune und Altenheime würden dort die Tugenden und Kräfte für eine Befreiung entwickeln, während die übrigen sich in einer mörderischen und chaotischen Welt durchwurstelten.</p>
<p>Es mag wahr sein, dass Proteste nicht den Krieg in Irak und Afghanistan haben stoppen oder den Kapitalismus beenden können; aber heißt dies umgekehrt, dass alles auf einen militanten diktatorischen Staat hinausläuft, in dem Aktivismus nur noch Zeitverschwendung ist? Bezweifelt Europas linke Intelligenz wirklich, dass Solidarität und staatseigene Betriebe existieren? Wie sollte sich eine kritische Gesellschaftsanalyse getrennt von Politik, Gewerkschaften und anderen Teilen der Zivilgesellschaft entwickeln?</p>
<p>In der realen Welt ist es für Intellektuelle nicht ungewöhnlich, mit der Zivilgesellschaft zusammenzuarbeiten. Eine Umfrage unter 425 Gewerkschaftern zeigte, die ich mit Lowell Turner durchführte, zeigte, dass 27 Prozent in den USA und 33 Prozent in Deutschland mit akademischen Forschern kooperierten. Die Themen erstreckten sich von Bemühungen, Arbeitsplätze zu erhalten bis zu Gewerkschafts-Organizing und Kampagnen um Löhne, von denen man leben kann. In vielen dieser Arbeitsfelder sind die Aktivisten von 1999 involviert. Das spricht dafür, dass wir alles andere als „verloren“ sind.</p>
<p>Es ist auch nicht schwierig, Beispiele für gesellschaftliche Bündnisse zu finden, die Ungerechtigkeit bekämpfen. Anhand von Seattle kann dieser Prozess gut studiert werden. Viel Vorbereitungsarbeiten für die Proteste gingen von den Mitarbeitern der lokalen und nationalen Gewerkschaftsbündnisse und der AFL-CIO auf lokaler und nationaler Ebene aus. Das spiegelt eine Verschiebung in der lokalen Gewerkschaftsszene wider, weg von marktorientierten Business-Gewerkschaften. Mit Hilfe des <em>Union Cities Programme</em> der bundesweiten AFL-CIOs brachte eine neue Führungsgruppe das Gewerkschaftswesen ins 21. Jahrhundert &#8211; durch eine Kombination aus breitem sozialen Aktivismus und dem Organisieren der Unorganisierten. Ihre Arbeit mit anderen Aktivisten an den WTO-Protesten führte so zu einem Prozess der Verbesserung von bis dahin zum Teil vergifteten Beziehungen.</p>
<p>Wie veränderte sich „Seattle“ in den 1990er Jahren? Gewerkschaften begannen, neue Formen des Protests einschließlich des zivilen Ungehorsams aufzunehmen, Bewusstsein für verschiedenste politische Probleme zu entwickeln und Streiks und politische Kampagnen zu unterstützen. Zusammen mit lokalen Vertretern von Religionsgemeinschaften schufen sie „Jobs with Justice“ und gewannen so lokale Unterstützung über die Gewerkschaftsbewegung hinaus. Mitgliedszahlen in lokalen Gewerkschaften nahmen seit den 1990er Jahren zu, zum Teil auf Grund von Organizing in etablierten Sektoren wie dem Gesundheitsbereich, Baugewerbe und Öffentlichen Dienst, zum Teil wegen neu geschaffenenlokaler Gewerkschaften für prekär beschäftigte Hauskrankenpflege, für Forschungsassistenten an Universitäten oder High-Tech-Beschäftigte. Begleitet war dieser Prozess von einer Verbesserung des Verhältnisses zu anderen Teilen der Zivilgesellschaft zum.</p>
<p>Etwa im Bereich der beruflichen Chancengleichheit: Seit den 1970er Jahren haben Aktivisten aus Seattles nichtweißen Communities gekämpft, damit die Bau-Gewerkschaften Diskriminierungen in Ausbildung und Einstellungsverfahren beenden sollten. Eine Startbahn wurde blockiert, Bauausrüstung zerstört und eine Klage geführt und gewonnen. Der geschlossene Vergleich war die finanzielle Basis zur Gründung der Bürgerrechtsorganisation LELO.</p>
<p>In den 1990er Jahren entschieden sich die Gewerkschaften, Rassismus direkt zu bekämpfen. Zusammen mit der LELO unterstützten sie neue Richtlinien zur Gleichberechtigung von Frauen und Minderheiten. Diese Maßnahmen stellten unter anderem praktische Mentoring-Unterstützung im Umgang mit der weiß-männlich beherrschten Kultur auf Baustellen zur Verfügung; zusätzliche Vorbereitungskurse für potenzielle Lehrlinge wurden geschaffen; es gab Hilfe bei der Anfahrt zur Arbeit wie auch unabhängige Mentoringprogramme, mit denen die Implentierung der Maßnahmen überwacht wurde.</p>
<p>Auch die Beziehungen zu Umweltaktivisten haben sich verbessert. Während es lang anhaltende Konflikte zwischen Industriebelegschaft („blue-collar-employment“ ) und grünen Aktivisten gab – meist ging es um Abholzung und Bebauung – weisen einige lokale Praxen über diese „Blau-Grün“ -Trennung hinaus. Das Ergebnis waren gemeinsame Kampagnen von Gewerkschaften und Umweltaktivisten gegen „Schurken-Firmen“, die WTO-Proteste („Teamsters and Turtles Together at Last“ ), die Verteidigung von Industrieimmobilien gegen Spekulanten und Forderungen nach massiven Staatsinvestitionen in „Grüne Jobs“ (vgl. <em>Apollo Alliance</em> oder <em>Sound Alliance</em>). Gewerkschaftlich organisierte Jobs in Sanierungsgebieten wurden geschaffen. Diese Initiative schuf Ausbildungsplätze für junge Leute aus den ärmsten Vierteln Seattles und half so, die Unorganisierten zu organisieren.</p>
<p>Nach dem Zusammenbruch der Regierungen des „Dritten Weges“ wie in Großbritannien und Deutschland, könnten solche Kooperationen linken Intellektuellen als Basis dienen, um eine intellektuelle Agenda in Europa auf internationaler, nationaler und lokaler Ebene zu entwickeln. Während selbstverständlich Verbündete nicht immer einer Meinung sind, zeigt die Geschichte von Seattle, dass Koalitionen zwischen Leuten, die auf jede Weise anders gesinnt sind, sich dennoch als sehr produktiv erweisen können. Diese neuen Konzepte, die soziale und ökologische Ziele miteinander verbinden, können sich jedoch nicht getrennt von der wirklichen Politik entwickeln. Die Ereignisse vor zehn Jahren zeigen, dass solch unwahrscheinliche Bündnisse globale Resonanz erzielen können.</p>
<p><em>Aus dem Amerikanischen von Harry Adler</em></p>
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		<title>Ein klösterlicher Rückzug ist nicht möglich. Zur Debatte Soziale Bewegungen</title>
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		<pubDate>Fri, 08 Jan 2010 10:54:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>adler</dc:creator>
				<category><![CDATA[10 Jahre nach Seattle]]></category>
		<category><![CDATA[Heft2 2/2009]]></category>
		<category><![CDATA[Bifo]]></category>
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		<category><![CDATA[Heft 2/2009]]></category>
		<category><![CDATA[Seattle]]></category>

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		<description><![CDATA[Von Nicola Bullard.
Ein Blick in die Ausgabe von Focus on Trade (Nr. 42), die direkt nach dem Scheitern der WTO-Verhandlungen 1999 erschien, zeigt: nicht triumphierender Jubel über die Erscheinung einer Antiglobalisierungsbewegung charakterisiert Walden Bellos einleitenden Beitrag, sondern eine sorgsame Wiedergabe des Scheiterns der Gespräche an den Streitpunkten Transparenz, Umwelt- und Arbeitsstandards und einer verärgerten afrikanische [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Von Nicola Bullard.</p>
<p>Ein Blick in die Ausgabe von Focus on Trade (Nr. 42), die direkt nach dem Scheitern der WTO-Verhandlungen 1999 erschien, zeigt: nicht triumphierender Jubel über die Erscheinung einer Antiglobalisierungsbewegung charakterisiert Walden Bellos einleitenden Beitrag, sondern eine sorgsame Wiedergabe des Scheiterns der Gespräche an den Streitpunkten Transparenz, Umwelt- und Arbeitsstandards und einer verärgerten afrikanische Delegation. Die beeindruckenden Demonstrationen werden selbstverständlich erwähnt, etwa der Marsch der 1000 zum Bezirksgefängnis, um die Freilassung von mehr als 400 Aktivisten zu fordern. Aber es gibt keinen Hinweis auf eine Art Folklore bzw. den Mythos des sog. Battle of Seattle. <span id="more-317"></span></p>
<p>Doch sicher ist, die WTO hat sich nie vom Scheitern in Seattle erholt und wird es vielleicht niemals. Wir bekamen einen Eindruck davon, wie verletzlich eine machtvolle internationale Organisation aufgrund eigener Widersprüche sein kann, von der potenziellen Wirksamkeit durchdachter Strategien von &#8216;innen&#8217; und &#8216;außen&#8217;. Bei den Folgetreffen in Cancun und Hongkong setzten sich die Erfahrung und der Mythos fort. Der tragische Protest-Selbstmord von Lee Hyung-kae und die heroischen Campesinas in ihrem farbenprächtigen Tüchern bei der Blockade der Tore zum Verhandlungszentrum haben bewiesen: die Legitimation der WTO zu erschüttern ist möglich. In Hongkong prägten koreanische Bauern das Bild, ehrten die Erde mit zeremoniellen 10 Schritten, verneigten sich und sprangen von Booten in die kalten Wasser der Hafens, um zum Tagungszentrum der versammelten Minister zu schwimmen.<br />
Ich war an keinem dieser Orte und doch gehören diese Momente zu meiner Geschichte, ebenso wie die Ereignisse in Prag, Genua oder Quito, wo ich die Kombination von Tränengas und schwarzen Block erfahren konnte, die zugegebenermaßen einen gewissen Adrenalinschub auslöst. Genua markiert eine besondere Erfahrung: wir gingen zusammen und glorreich durch das Feuer. Die außerordentliche Solidarität die wir angesichts von polizeilicher Gewalt und der Respekt für Carlo Guliani erlebt haben, hinterlässt bleibende Spuren.<br />
Das erneute Lesen unserer Geschichte(n) macht mir Gänsehaut: etwas zieht sich durch unsere jeweiligen Versuche, den Widrigkeiten mit Humor, Kreativität und Überzeugung zu begegnen. Wir experimentierten mit neuen Formen Politik zu machen, schufen groß(artig)e Projekte wie das Weltsozialforum und wir haben Wirkung entfaltet, im Kleinen wie im Großen. Am letzten Tag des WTO-Treffens in Hongkong zirkulierte ein &#8216;Dankesschreiben an unsere internationalen Freunde&#8217; (der &#8216;Group of Hongkong People&#8217;): „Danke für eure Geduld, uns und unseren Medien die verheerenden Effekte der WTO verdeutlicht zu haben, obwohl eure Stimmen in den örtlichen Medien verunstaltet und unterdrückt wurden. Danke, dass ihr uns mit euren Schritten den Wert und die Bedeutung von Solidarität wieder vorgeführt habt. Nur durch die wechselseitige Solidarität, Unterstützung und Kämpfe mit langem Atem kann Demokratie real werden.“<br />
Sind es wirklich erst zehn Jahre seit Seattle? So viel ist geschehen, so vieles hat sich verändert (mich eingeschlossen). Sicher waren wir nicht in der Lage, den geschichtlichen Moment der Krise von 2008 zu nutzen, um den Kapitalismus in die Knie zu zwingen, noch haben wir den Irak-Krieg gestoppt. Doch wir konstruieren eine (nicht-sektiererische) globale Bewegung mit bestimmten geteilten Werten und Zielen, Nord und Süd verbindend, mit neuen Formen der Kooperation, die über einzelne Demonstrationen oder Kampagnen hinaus gehen. Zuletzt bereiteten wir uns auf den Weltklimagipfel 2009 in Kopenhagen vor – und zu spüren ist dieselbe Energie und der gleiche Enthusiasmus der uns bei beim Blockieren der WTO oder dem Aufbau des Weltsozialforums trieb. Die entstehende Bewegung für Klimagerechtigkeit ist etwas Reales. Ihre Wurzeln reichen bis Seattle und Porto Allegre.<br />
Daher ist Franco Berardis Pessimismus frustrierend. Obwohl noch soviel Arbeit zu tun ist, empfiehlt er uns, in Klöster zurück zu ziehen. Er klingt eher wie ein nicht ans Überleben Glaubender als wie ein lebensbejahender Streiter für Veränderung. Was genau möchte er in den Klöstern bewahren? Wer gehört zur kleinen Elite, die es Wert ist, gerettet zu werden? Was ist mit den an AIDS erkrankten Menschen, die Kampagnen gegen die Patentierung von Medikamenten organisierten? Was ist mit den landlosen Frauen in Brasilien, die in den frühen Morgenstunden mit ihren Macheten Hektar von Eukalyptus schneiden? Was ist mit den indigenen Völkern, die Hunderte ihrer Schwestern und Brüder verloren, um ihr Land, Wasser und Leben zu verteidigen? Was ist mit jenen, die einfach nur Evo Morales wählten? Was ist mit den gegen Umsiedlung und Vergiftung ihrer Umwelt kämpfenden Townshipbewohnern in Durban? Was ist mit den verlassen Menschen von New Orleans? Etc.<br />
Die Aufgabe die uns Bifo stellt, „die Redefinition der Verständnisses von &#8216;gutem Leben&#8217;, Wohlstand und Glück“, ist eng euro-zentristisch und traurig. In anderen Teilen der Welt – vielleicht weit entfernt von Bifos Lebensmittelpunkt – leben Familien, Gemeinden, Frauen und Männer alltäglich ihr Verständnis von Glück und gutem Leben, gegen die Widrigkeiten alltäglicher Unterdrückung und konfrontiert mit Militarismus, Kapitalismus, Patriarchat und Rassismus. Statt im Kloster nach Sinn zu suchen oder eine weitere (westliche) Erzählung der Geschichte zu schreiben, könnte Genosse Bifo mit uns in die Niederungen des alltäglichen Kampfes steigen und sich die Hände schmutzig machen. Komm mit uns nach Kopenhagen! Werde Teil der globalen Bewegung für Klimagerechtigkeit! Dies mag vielleicht kein Wendepunkt wie Seattle sein, doch zumindest holt es dich aus deiner bedrückenden Selbstbeschau heraus.<br />
<em><br />
Aus dem Englischen von Mario Candeias</em></p>
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