| Labours entscheidender Unterschied: Haustürgespräche von ganz normalen Leuten

Juli 2017
Von Emma Rees

Labour ist eines der spektakulärsten Comebacks in der politischen Geschichte Großbritanniens gelungen. Hatte die Partei zum Zeitpunkt der Wahlankündigung bei nur 24 Prozent gelegen, folgte ein siebenwöchiger raketenartiger Aufstieg, an dessen Ende sie schließlich 32 Sitze erringen und dabei auch ins Konservativen Stammland einfallen konnte.

Jeremy Corbyns prinzipiengeleitetes Transformationsprogramm gelang, was zuvor unerreichbar schien. Menschen allen Alters fühlten sich davon inspiriert. Tausende kamen, um ihn reden zu hören. Die Wahlregistrierungen kletterten auf Rekordniveau. »Oh, Jeremy Corbyn«-Fangesänge [zur Melodie des White Stripes Hits »Seven Nation Army«, Anm. d. Ü.] erschallten bei Festivals, bei Sportveranstaltungen und in Nachtclubs im ganzen Land.

Die Hoffnung, die viele Labour-Mitglieder schon länger erfasst hatte, erreichte zunehmend breite Bevölkerungskreise. Und den Menschen gefiel, was sie sahen.

Während die Großkommentatoren noch versuchen zu ergründen, was da eigentlich passiert ist, habe ich eine ziemlich klare Vorstellung. Es hatte damit zu tun, dass es ein Manifest der Transformation gab. Damit, dass Corbyns Wärme und Authentizität gewirkt haben. Und auch Labours energiegeladene, vorwärtsgehende Kampagne war ein Schlüssel zum Erfolg. Dank des klugen Einsatzes sozialer Medien konnten Labour und Momentum junge Wähler*innen erreichen, und so Direktmandate  wie in Sheffield Hallam und Canterbury erringen.

Was aber oft übersehen wird – dabei stellt es den Kern des Corbyn Projektes dar – war die überwältigende Bereitschaft ganz normaler Menschen, die Millionen von Haustürgesprächen in Wahlbezirken führten, in denen das Ergebnis auf der Kippe stand.

Bei Momentum haben wir uns genau darauf konzentriert. Obwohl wir nur mit sehr knappen Mitteln ausgestattet sind, haben wir deutlich mehr als unsere 24.000 Mitglieder mobilisieren können. Dank der pfiffigen und kreativen Kampagne unseres jungen Teams gelang es uns, vor allem Menschen für unsere Aktivitäten zu gewinnen, die neu bei Labour waren, neu im Wahlkampf oder sogar ganz neu in der Politik. Wir haben ihnen Selbstvertrauen gegeben. Wir haben es ihnen leicht gemacht, sich einzubringen. Und wir haben ihnen den Haustürwahlkampf leicht zugänglich gemacht.

Wie wir das gemacht haben? Während des Wahlkampfes haben wir an 50 Wochenenden zehntausende Aktivist*innen dazu gebracht, in umkämpften Wahlbezirken an Haustüren zu klingeln. Organiser von Bernie Sanders haben Tausende von Aktivist*innen im ganzen Land darin geschult, authentische, ehrlich interessierte Gespräche zu führen, die weit über die üblichen Umfragen zur Datenerfassung hinaus gingen.

Unsere Online-Karte – »Knappe Bezirke in meiner Nähe« – dank der Leute leicht die aussichtsreichsten Wahlbezirke finden konnten, wurde das entscheidende Werkzeug, um Aktivist*innen in die strategisch wichtigen Wahlbezirke zu lotsen. Mehr als 100.000 Menschen haben sie benutzt. Und fast 10.000 Aktivist*innen von Momentum verpflichteten sich, am Wahltag frei zu nehmen, um erneut an mehr als 1,2 Millionen Türen zu klingeln und Labour Wähler*innen daran zu erinnern, ihre Stimme auch abgeben.

Das Geheimnis dieser Abstimmung war, dass ganz normale Menschen die Wahllandkarte neu gezogen haben. Direktmandate wie das in Battersea und in Sheffield Hallam, die für Labour bis dahin als uneinnehmbar galten, wurden gewonnen, weil Mitglieder, die fest daran glaubten gewinnen zu können, dort an Haustüren klingelten. Die Siege in Leeds North West, Crewe und Nantwich, Croydon Central, Derby North, Brighton Kemptown und viele andere sind genau auf diesen Effekt zurückzuführen. Ganz normale Leute tauchen an Türschwellen auf, um über Politik zu sprechen, die wirklich etwas bedeutet.

Schon lange betonen Forscher*innen die Bedeutung von Basisarbeit. Aber in einer Zeit, in der viele Menschen den Medien nicht mehr trauen, werden Gespräche von Angesicht zu Angesicht über Themen, die den Menschen wirklich wichtig sind, noch entscheidender. Und am Wahltag dafür zu sorgen, dass Labour Wähler*innen auch wirklich wählen gehen, da können hunderte Menschen auf der Straße den entscheidenden Unterschied ausmachen, genau wie in diesem Fall geschehen.

Bei Momentum können wir auf dieser soliden Kampagnen-Grundlage weitermachen. Da Wahlen in den nächsten sechs Monaten nicht unwahrscheinlich sind, werden wir unsere Anstrengungen noch verstärken, uns auf neu gewonnene knappe Sitze konzentrieren und Labour in den Gemeinden auch unabhängig vom Wählkampf verankern.

Wir leben wirklich in einer besonderen Zeit. Die Zuversicht, was noch möglich ist, ist greifbar und man kann spüren, wie sehr sich unsere Bewegung noch intensiviert. Wir haben bereits einen der größten politischen Coups in der britischen Geschichte geschafft. Und ich bin sicher, dass wir in weniger als zwölf Monaten eine Corbyn-Labour-geführte Regierung sehen werden. Dies ist die neue politische Realität. Mir fällt kein anderes Wort dafür ein als aufregend.

Dieser Beitrag erschien im Englischen im (c) Guardian.

Aus dem Englischen von Miriam Pieschke